Die 55-jährige Ng Chu-chee reinigt sechs Nächte die Woche die Toiletten und Treppenhäuser in einem Einkaufszentrum in Hongkong. Der Stundenlohn, den die alleinerziehende Mutter erhält, beträgt 25 Hongkong-Dollar (2,30 Euro). 

Es ist sehr schwer, über die Runden zu kommen», sagt Ng, die sich und ihren 14-jährigen Sohn mit monatlich 3600 HK$ (333 Euro) durchbringen muss. «Ich hoffe wirklich, dass die Regierung Leuten wie uns helfen wird.» Zum Vergleich: Der tarifliche Mindestlohn in der Gebäudereinigungsbranche in Deutschland beträgt derzeit 8,40 Euro (West) beziehungsweise
6,83 Euro (Ost) je Stunde.

Hongkong plant in diesem Jahr seinen ersten Mindestlohn einzuführen, um das Problem der Armut anzugehen. In keiner Volkswirtschaft Asiens ist die Kluft zwischen Arm und Reich so gross wie in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong. Es gibt allerdings auch Stimmen, die davor warnen, dass durch einen Mindestlohn die Wettbewerbsfähigkeit der früheren britischen Kronkolonie untergraben werde.

1,26 Millionen leben unter der Armutsgrenze

«Die Regierung muss etwas tun, um das Problem der Einkommens-Polarisierung anzugehen», sagt Raymond So, Professor am Hang Seng Management College in Hongkong. Die Verantwortlichen könnten sich nicht mehr hinter dem Schild der «freien Marktwirtschaft» verstecken, fügt er hinzu.

Im ersten Halbjahr 2010 schwoll die Zahl der Menschen, die in Hongkong unter der Armutsgrenze leben, auf die Rekordmarke von 1,26 Millionen an. Das entspricht 18,1 Prozent der Bevölkerung, wie aus einem Bericht des Hong Kong Council of Social Service vom 3. Oktober hervorgeht. Der von den Vereinten Nationen berechnete «Gini-Koeffizient», der die Verteilung des Wohlstands abbildet, führt Hongkong mit 0,53 auf dem letzten Platz in Asien auf. In Peking beträgt die Kennziffer 0,22 und asienweit 0,39. Die Spanne geht von 1 bis 0, wobei 0 für völlige Gleichheit steht.

Im zweiten Quartal wuchs die Wirtschaft Hongkongs um 6,5 Prozent. Bei den Ärmsten ist von einer Erholung oder einer Verbesserung der Lage jedoch nichts zu spüren. Der durchschnittliche Monatsverdienst des untersten Einkommenszehntels betrug in dem Zeitraum 3000 HK$ (278 Euro), unverändert gegenüber 2005, wie aus Berechnungen von Oxfam Hong Kong hervorgeht. Bei den reichsten zehn Prozent schwoll das Einkommen indes um 18 Prozent auf 80.900 HK$ an.

Finanzkrise hat Ungleichheit verstärkt

Dieses macht deutlich, dass die Finanzkrise und ihre Auswirkungen die Ungleichheit in einigen Regionen Asiens nur noch verstärkt hat. Auf der Suche nach höheren Renditen fliessen zurzeit täglich etwa 2 Milliarden Dollar an Kapital in die Region, wie DBS Group schätzt. Das treibt die Preise - zum Beispiel für Immobilien - gewaltig an, während die Löhne nicht Schritt halten können.

Seit Anfang 2009 sind die Immobilienpreise in Hongkong um 47 Prozent nach oben geschnellt. Die inflationsbereinigten Reallöhne sind jedoch seit der Krise gesunken und zurzeit sogar niedriger als 2001, wie aus Regierungsdaten hervorgeht.

Während die Regierung der Sonderverwaltungszone Hongkong davon ausgeht, dass durch Mindestlöhne der Wirtschaft geholfen wird und die Kaufkraft steigt, argumentieren Geschäftsinhaber, dass sie in den Bankrott getrieben werden.

«Es ist wirklich eine Schande»

Die unterschiedlichen Ansichten spiegeln sich auch in den Forderungen der gegnerischen Parteien wider. Während die Gewerkschaften auf einen Mindestlohn in Höhe von 33 HK$ pro Stunde beharren, erklärte Tommy Cheung, der das Gastronomiegewerbe im Legislativrat Hongkongs vertritt, 24 HK$ sei die absolute Obergrenze.

Anfang des Jahres hatte Cheung sogar 20 HK$ gefordert. Medienberichten zufolge könnte Donald Tsang, der Verwaltungschef Hongkongs, noch in diesem Monat einen Kompromiss von 29 HK$ offiziell bekannt geben.

Die Putzhilfe Ng hofft darauf, dass die Entscheidung Tsangs es ihr ermöglichen wird, etwas Geld für die Ausbildung ihres Sohnes beiseite zu legen. «Es ist wirklich eine Schande, dass mein Gehalt nicht unsere Grundbedürfnisse decken kann», sagt sie. «Hongkong ist eine Welt, in der nur Reiche leben können.»

(Bloomberg)