Den Weg zum Doktortitel schlagen heute trotz vieler und gestiegener Alternativen nach dem Unileben immer noch viele Absolventen ein. 675 Studenten promovierten 2009 etwa an der Universität Zürich; dies ist bei 2872 Erstabschlüssen eine relativ stolze Zahl.

Die «Doktorschwemme» an den Schweizer Hochschulen bestätigt das Bundesamt für Statistik. Seit 1980 hat sich die Zahl der erlangten Dissertationen fast verdoppelt, und zwar über alle Fachrichtungen.

Die Vermutung, dass gerade heute die frisch Lizenzierten mit einer Dissertation in Zeiten der Krise eine mögliche Arbeitslosigkeit umgeghen wollen und die Unizeit verlängern, wischt Roger Gfrörer gleich vom Tisch. «Es erstaunte uns, dass wir diesbezüglich nicht mit mehr Anfragen konfrontiert wurden», sagt Gfrörer. Er ist Abteilungsleiter Career Services der Universität Zürich und besitzt selber einen Doktortitel.

Eine Dissertation bietet auf den ersten Blick mehr Nach- als Vorteile. Das entbehrungsreiche Studentenleben verlängert sich je nach Studienrichtung auf unbestimmte Zeit. Eine Dissertation dauert gemäss einer Studie der Universität Bern im Rahmen des Projekts «Promotion und Karriere» durchschnittlich zwischen 3,3 und 4,7 Jahre.

«Das war ein ziemlicher Frust»

Neben der zeitlichen Belastung kommen fachliche Herausforderungen. «Eine Dissertation ist Knochenarbeit und nicht immer einfach. Die Erkenntniswege und die Methoden müssen erarbeitet werden», sagt Gfrörer. Wer dann nach allen Mühen und möglichen finanziellen Engpässen schlussendlich promoviert, hat vielfach keine Garantie für einen einfachen Berufseinstieg.

«Ich musste mir bei der Jobsuche nach der Dissertation oft anhören, ich sei überqualifiziert», sagt rückblickend ein Redaktor, der vor über zehn Jahren doktoriert hatte. «Das war ein ziemlicher Frust, denn all die Berufserfahrungen, die ich neben der Uni als freier Journalist, Teilzeitlehrer und vielen anderen Jobs gemacht hatte, wurden mir zusammen mit der universitären Ausbildung zum Vorwurf gemacht».

Mit seinen Erfahrungen wird der Redaktor kaum allein gewesen sein. Denn gerade mal 20 Prozent der promovierten Akademiker finden eine Weiterbeschäftigung im Hochschulbereich, wie eine Studie im Rahmen des genannten Projekts der Universität Bern herausfand.

Was aber auch zeigt, dass nicht nur die Aussicht auf eine universitäre Laufbahn den Ausschlag für eine Dissertation gibt, sondern schlicht der Karriere-Gedanken. «Die persönliche Auseinandersetzung mit einer Frage und die Möglichkeit zur Projektführung bieten die Gelegenheit Fachwissen, Methodik und Selbstbewusstsein zu stärken», sagt Gförer zu den Gründen, warum Lizenzierte sich für eine Doktorarbeit entscheiden.

Bis zu 10'000 Franken mehr pro Jahr

Und ein Punkt spielt eine immer zentralere Rolle: «Durch die internationale Vernetzung der Wissenschaft besteht die Aussicht, dass man sich ein internationales Netzwerk aufbauen kann», so Gfrörer.

Offenbar schätzen es die Unternehmen, wenn sie Personen anstellen können, die sich über eine längere Zeit intensiv mit einer Thematik beschäftigt und erfolgreich zum Abschluss gebracht haben, wie dies bei einer Dissertation der Fall ist. Denn gemäss einer Untersuchung unter den 500 grössten Schweizer Unternehmen verfügen 19 Prozent der Geschäftsleitungsmitglieder über einen Doktortitel.

Dieser hohe Anteil ist auch deshalb beachtlich, da längst nicht alle Kaderstellen mit Akademikern besetzt sind. Und er zeigt deutlich, dass durchaus eine überdurchschnittliche Dichte von Promovierten in Führungspositionen besteht.

Eine Promotion kann die Chance auf eine erfolgreiche Karriere also erhöhen. Und auch finanziell kann sich ein «Dr.» auszahlen. Gemäss erwähnter Studie der Universität Bern erhöht sich das Jahreseinkommen mit dem Doktortitel um durchschnittlich zwischen 5‘700 bis 9‘700 Franken. Die Studuie erwähnt schliesslich einen weiteren Effekt, den man in Krisenzeiten nicht unterschätzen sollte: Ein Doktortitel habe einen äusserst positiven Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit und
das Arbeitslosigkeitsrisiko.

Unterschied zwischen Theorie und Praxis

Wer das Wagnis Promotion eingeht, dem gibt Gfrörder von der Universität Zürich folgenden Ratschlag: Sich früh Gedanken über die Zukunft nach der Dissertation machen – und seine Chancen mittels Networking verbessern.

Schlussendlich ist aber jeder selber für sein Weiterkommen verantwortlich – und wie er oder sie sich «on the job» bewährt. Denn zwischen Theorie (Universität) und Praxis (Arbeiten in Unternehmen) besteht nach wie vor ein grosser Unterschied.