Die Risikoaversion an den Finanzmärkten hat inzwischen auch auf die Strukturierten Produkte übergegriffen. „Die Anleger greifen heute tendenziell zu einer deutlich tieferen Barriere und nehmen damit auch einen tieferen Couponertrag in Kauf“, sagt Paolo Vanini von der Zürcher Kantonalbank. Man habe schon festgestellt, dass 50-Prozent-Barrieren gekauft worden seien. 

„Das heisst, dass eine Roche auf 65 oder eine Novartis auf 21 fallen müsste, bis die Barriere verletzt würde“, sagt Vanini. In der Regel begnügen sich Anleger sonst mit Barrieren, die 20 bis 30 Prozent unter dem aktuellen Kursniveau liegen. Zuletzt durchbrachen auffallend viele Barrier Reverse Convertibles (BRC), nach wie vor eines der beliebtesten Strukturierten Produkte,  wegen des Kurszefalls an den Aktienbörsen die definierte Barriere. 

Indizes besser geeignet in volatilen Marktphasen

Eine Auswertung des Datendienstleisters Derivative Partners Research ergab, dass zwischen dem 8. Juli und 12. August fast jedes zweite Barrierenprodukt die gesetzte Limite verletzte. Auffallend ist, dass ein grosser Teil dieser Unterschreitungen bei Schweizer und europäischen Blue Chips zu beobachten war, aber deutlich weniger bei Produkten auf Aktienindizes. Die meisten Barrierenverletzungen ereigneten sich bei Basiswerten wie Credit Suisse, ABB oder Zurich FS, die stärker fielen als der Gesamtmarkt. 

„In solchen Marktphasen laufen Barrier Reverse Convertibles auf Indizes besser“, bestätigt Willi Bucher von Julius Bär, einer der vier grössten Emittenten in der Schweiz. Das liege vor allem daran, dass Indizes Ausreisser von einzelnen Aktien glätten und deshalb weniger schnell nach unten gesetzte Barrieren durchbrechen. Wie volatil Einzeltitel reagieren können, liess sich in jüngster Zeit beobachten, als selbst Qualitätstitel innerhalb von kurzer Zeit 20 bis 30 Prozent an Wert einbüssten. 

Anleger reagieren gelassener 

Trotz der hohen Zahl an Barrierendurchstössen reagierten die Anleger deutlich gelassener als noch 2008, als die Lehman-Krise die „Struki“-Branche in eine tiefe Krise stürzte. „Wir haben festgestellt, dass die Leute mit solchen Events nun ganz anders umgehen als noch 2008“, sagt Bucher. Damals kauften die Anleger häufiger Produkte, die sie nicht verstanden. Der Wissensstand der Anleger sei bis heute deutlich angestiegen. 

Heute stellt sich nicht mehr die Frage, was überhaupt nach einer Barrierenverletzung passiert, sondern jene nach der Entscheidung: Soll man auf den Verfall des Produkts warten und riskieren, dass man Aktien ins Depot eingebucht erhält? Oder auf die Möglichkeit setzen, dass sich die Kurse wieder über die Barriere erholen, um den Nominalwert des Produkts zurückerstattet zu bekommen?

Die aktuellen Bedingungen – hohe Volatilitäten und tiefe Kurse – würden eigentlich für Barrier Reverse Convertibles sprechen. Denn die hohe Volatilität erlaubt es den Anbietern, die Produkte mit deutlich höheren Coupons auszustatten. Das kommt daher, weil der Käufer implizit Volatilität zu einem hohen Preis an den Emittenten verkauft. 

Umsätze an der Scoach massiv eingebrochen

Allerdings sind parallel zu den fallenden Aktienmärkten in den letzten Wochen auch die Umsätze an der Derivatebörse Scoach massiv gesunken. Seit Mai, als erstmals seit der Lehman-Krise 2008 die 6-Milliarden-Franken-Grenze übertroffen wurde, halbierten sich die Umsätze auf gut 3 Milliarden Franken im Juli, so tief wie seit August 2010 nicht mehr. 

Nun wird befürchtet, dass die Zahlen für August noch schlechter ausfallen werden. Die schwachen Börsen haben bei den Strukturierten Produkten deutliche Spuren hinterlassen. Dieser markante Umsatzrückgang überrascht die Banken nicht. Es habe sich abgezeichnet, dass die Anleger aus Risikoscheu vorerst an der Seitenlinie das Geschehen beobachteten, war aus Emittentenkreisen zu hören.   

Trotz Zurückhaltung der Anleger ist die „Struki“-Industrie, die sich gerne als innovativ sieht, nicht untätig geblieben. Vontobel hat seit Mai 2011 ein Produkt auf dem Markt, das dem Anleger ermöglicht, das Schuldner-Risiko auszusuchen. Mit einem pfandbesicherten Zertifikat kann er den Emittenten gegen einen anderen Basiswert  - z.B. Roche oder Nestlé – als Schuldner austauschen. Und die ZKB hat ein neues Inflations-/Deflations-Zertifikat für den Franken aufgelegt. „Wir glauben, dass die Nachfrage nach diesem Produkt wird schon bald ansteigen wird“, sagt Abteilungsleiter Vanini.