cash: Herr Sargent, vor einigen Tagen wurde das zweite grosse Rettungspaket für Griechenland geschnürt. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass noch ein drittes oder gar ein viertes Paket kommt?
Thomas Sargent: Das ist eine Frage, bei deren Antwort man die Politik voraussagen muss. Bei der Europäischen Union und bei der Euro-Zone haben wir es mit äusserst komplizierten Gebilden zu tun, die zum Teil auch aus sehr komplizierten und ausgeklügelten Staaten bestehen. Als Amerikaner kann ich Ihnen hierzu wirklich keine Antwort geben. Aber es ist klar: Wenn man will, dass Griechenland in der Euro-Zone und in der EU bleiben soll, dann wird es noch mehr Bailout-Pakete geben. Aber es gibt natürlich auch viele Stimmen, die sagen, dass Griechenland aus der Euro-Zone austritt oder austreten muss.
In Ihrer Rede hier am 'Institutional Money Kongress' in Frankfurt wiederholten Sie etwa viermal den Satz: 'Auf Finanzkrisen folgt eine politische Revolution'. Meinen Sie das auch für Europa?
Ich finde es sehr heikel, wenn Amerikaner anderen Ländern erzählen, was sie nicht richtig gemacht haben. In meinen Land existieren genug Steuerprobleme.
Sie erklärten Ihre Aussage anhand von historischen Beispielen.
Richtig, und da gibt es viele. Was führte zum Beispiel zur französischen Revolution? Es war eine Finanzkrise. Frankreich konnte damals seine Schulden mit mehr zahlen. Es gibt viele andere Beispiele. Man kann es auch so sagen: Finanzkrisen sind hauptsächlich charakterisiert durch Versprechungen, die nicht eingehalten werden können. Dieser Beobachtungsprozess dauerte während der französischen Revolution zehn Jahre. Der Ökonom Milton Friedman sagte ja einmal treffend: Es gibt Probleme, die nicht gelöst sind, bevor es eine Krise gibt.
Sie sagten auch, die Wähler in Europa werden die Fragen an der Urne beantworten. Das wird Jahre und Jahre dauern...
Ja, unter Umständen. Und es wird sicher zu Überraschungen kommen.
Zentralbanken benutzen zur Krisenlösung oft das Zulassen von Inflation. Passiert dies derzeit?
Nein.
Es gibt einige Kritik, dass Ökonomen die Krise nicht vorhergesehen haben.
Das stimmt nur bedingt. Ein Buch von Berufskollegen mit dem Titel "Understanding Financial Crisis", das 2007 veröffentlicht wurde, beschreibt schön die Urasachen und Folgen von Finanzkrisen. Und 1978 schrireben zwei Freunde von mir, John Kareken und Neil Wallacer, ein Research-Paper über die Deregulation des Finanzsystems. Da wurden auch schon Warnungen dahingehend ausgesprochen, wie die USA dieses System dereguliert und wie Krisen daraus entstehen könnten. Nämlich dass die Banken grösser und viel riskanter werden. Die Tatsache ist, dass viele Leute dieses Research-Paper einfach ignorierten.
Warum?
Nun, grosse Krisen sind ja lange Zeit ausgeblieben. Dann lehnen sich die Leute in der Regel ein wenig zurück.
Thomas Sargent (69) ist Professor an der Univerity of New York. Er erhielt im letzten Jahr zusammen mit Christopher Sims den Wirtschaftsnobelpreis. Die beiden haben untersucht, wie sich die Geldpolitik der Notenbanken und Schocks wie steigende Ölpreise auf Produktion, Inflation und Beschäftigung auswirken.

