Nacht für Nacht demonstrieren in Al-Nimrs Heimatregion Al-Katif Tausende Schiiten gegen das sunnitische Königshaus - bisher weitgehend friedlich. Beobachter fürchten allerdings eine Eskalation wie während des Arabischen Frühlings 2011 oder zur Zeit der iranischen Revolution 1979. Viel hängt nun davon ab, ob die Regierung in Riad Öl ins Feuer gießt und wie sich der diplomatische Konflikt mit dem Iran entwickelt, der sich als Schutzmacht der Schiiten sieht.

"Die Menschen sind aufgebracht", sagt ein Lokalpolitiker in Al-Katif. Zumal es vor der Hinrichtung Al-Nimrs und drei weiterer Schiiten am Wochenende Signale gegeben habe, dass die Exekutionen abgesagt würden. "Die Menschen hören sich die Reden Al-Nimrs an, einen Beleg dafür, dass er zu Gewalt aufgerufen hat, können sie darin nicht finden."

Die Küstenregion Al-Katif zählt etwa eine Million Einwohner, die meisten Schiiten. Der Glaubensrichtung gehören in Saudi-Arabien etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung an. Die Stadt ist umgeben von Ölverarbeitungsanlagen, etliche Einwohner arbeiten für die staatliche Ölgesellschaft Saudi Aramco. Die Bevölkerungsmehrheit in der Golfmonarchie stellen die ultrakonservativen Wahhabiten und andere Sunniten.

Demonstrationen gegen das Königshaus

Angriffe auf die Ölanlagen hat es nicht gegeben. Lediglich ein Bus zum Transport von Arbeitern wurde am Dienstag zerstört. Nach Angaben von Augenzeugen, die die Nachrichtenagentur Reuters befragte, wurden bei den Demonstrationen jedoch Schüsse auf gepanzerte Fahrzeuge der Sicherheitskräfte abgefeuert. Entsprechendes Videomaterial kursiert auch in sozialen Medien. Von den Demonstranten wird in Sprechchören nicht weniger als der Sturz des Königs gefordert.

Bisher tolerieren die Sicherheitskräfte die Proteste - so lange sie weitgehend friedlich verlaufen. Einwohner, mit denen Reuters sprach, fürchten, dass die Lage eskalieren könnte, falls die Proteste niedergeschlagen würden. Eine direkte Berichterstattung aus Al-Katif ist ausländischen Medien nur unter Begleitung von Regierungsvertretern gestattet. Insidern zufolge sieht sich die Polizei gut gerüstet, die Stadt gegebenenfalls abzuriegeln und Proteste niederzuschlagen. So war es auch 2011, als Al-Nimr eine Leitfigur der Proteste wurde.

Nach Darstellung von Unterstützern der Regierung hängt eine Eskalation vor allem vom Verhalten des Irans ab. Dem Rivalen werfen sie vor, die schiitische Minderheit in Saudi-Arabien aufzuwiegeln. "Der Iran und seine Verbündeten haben den Terrorismus gefördert, Anhänger rekrutiert und sie mit Waffen und Sprengstoff versorgt - Al-Nimr war einer von ihnen", sagte der saudiarabische Außenminister Adel al-Dschubeir in dieser Woche in einem Reuters-Interview. Der Iran bestreitet die Vorwürfe.

Einmal mehr werden die Schiiten Saudi-Arabiens zum Spielball im Konflikt zwischen Riad und Teheran um die Vormacht in der Region. "Die Menschen sind besorgt", sagt ein Vertreter der Minderheit. "Sie fürchten das es richtig kompliziert wird." 

(Reuters)