Schneller als gedacht hat die Schuldenkrise die Märkte wieder in den Griff gekriegt. Spekulationen und Gerüchte, wonach Deutschland und der Internationale Währungsfonds Griechenland den Geldhahn zudrehen wollen, liess die Sommer-Rally an den Börsen zu Wochenbeginn jäh unterbrechen. Erst Äusserungen von EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag, wonach die Zentralbank alles tun werde, um den Euro zu erhalten, schürten die Hoffnung auf ein neuerliches Eingreifen der EZB und führten zu deutlichen Kurserholungen an den Märkten.
Doch laut Philipp Vorndran, Kapitalmarktexperte beim Kölner Vermögensverwalter Flossbach von Storch, nimmt das Misstrauen der Investoren gegenüber der Eurozone konstant zu. Dies zeige sich an der Entwicklung des Euro. "Internationale Anleger und auch viele Notenbanken werden sich langsam des Risikos einer Veränderung im Euro gewahr", sagt Vorndran im cash-Börsen-Talk (Video).
Laut Vorndran, der bis Ende 2008 Chefstratege der Credit Suisse Asset Management in Zürich war, muss Grundlegendes geschehen, damit es in der Eurozone eine Besserung gibt. "Unser Kernszenario ist: Die Schwachen in der Eurozone müssen austreten". Er meint damit Griechenland, Portugal, Spanien oder auch Italien. Denn die Eurozone sei heute viel zu heterogen zusammengestellt.
Dazu gibt es aber ein Gegenszenario: "Falls die Achse Frankreich-Deutschland aufbricht und falls sich der französissche Präsident Hollande mithilfe der Europäischen Zentralbank eher in eine Koalition mit Italien und Spanien begibt, dann kann auch ein Austritt Deutschlands, Österreichs und Hollands aus der Eurozone nicht ausgeschlossen werden", so Vorndran im cash-Börsen-Talk.
Aufwertung einer neuen D-Mark?
Bislang war das Thema eines Austritts Deutschlands aus der Eurozone in Deutschland selber weitgehend tabu. Natürlich sage dies kein Politiker in Deutschland, so Vorndran, "und auch wir erhalten keine Rosensträusse für solche Äusserungen in der Öffentlichkeit. Aber wir wurden schon 2009 kritisiert, als wir sagten, Griechenland sei Pleite. Heute ist für jeden klar, dass Griechenland Pleite ist".
Allerdings weisen viele Experten darauf hin, was ein Austritt Deutschland aus der Eurozone für das Land für Folgen hätte: Eine wohl massive Aufwertung einer wieder eingeführten D-Mark, was wiederum die Exporte verteuern würde.
Diesen Zusammenhang deutete der damalige Chefökonom der Deutschen Bank, Thomas Mayer, in einem cash-Interview im letzten Herbst angesichts der massiven Franken-Aufwertung im Sommer 2011 an. "In Deutschland dachte man bloss mit etwas Erleichterung: Was mit dem Franken geschah, das wäre wohl auch einer D-Mark ohne Eurozone passiert."
Asset Allocation für die nächsten Jahre
Vorndran bezeichnet das derzeitige Vertrauen und die Risikobereitschaft der Anleger mit Blick auf die Aktienmärkte als extrem tief. Bankaktien sind für ihn keine Anlage Wert, den "Banken haben noch immer sehr viele Posten und Risiken drin, die sogar für die Verantwortlichen selber kaum sauber definiert werden können."
Stattdessen bieten sich auch aus langfristiger Sicht Qualitätsaktien wie Nestlé an. Diese seien so günstig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Qualitätsaktien erkenne man am nachhaltigen Geschäftsmodell des Unternehmens, an dessen einwandfreier Finanzierung und an einem Management, "das den Aktionär im Fokus hat und nicht primär die eigene Brieftasche", so Vorndran. Ebenso müsse das Unternehmen wegen der schwachen Wachstumsraten in Europa und den USA global aufgestellt sein - und über einen Schutzwall verfügen, so dass das Unternehmen auch in zehn Jahren noch Marktführer sein könne.
Für Anleger mit einer "ausbalancierten Risikoneigung" empfiehlt Vorndran folgende Asset Allocation für die nächsten Jahre: 45 Prozent global ausgerichtete Qualitätsaktien, 15 Prozent physisches Gold, 20 Prozent Wandel- und Unternehmensanleihen, und 20 Prozent "Kasse". Darunter versteht er Deutsche und Schweizer Staatsanleihen sowie Währungen, die "rückzahlungsfähig" sind. Das heisst ein Korb aus australischen, kanadischen und neuseeländischen Dollars, Franken, dann auch Dollar aus Hongkong und Singapur sowie die schwedische Krone und den chilenischen Peso.
Im cash-Börsen-Talk spricht Philipp Vorndran auch über Inflation als Mittel zum Schuldenabbau und die weitere Entwicklung an den Aktinmärkten.


