Am Klimagipfel in Durban werden die langfristigen Ziele zur Senkung des Treibhausgasausstosses diskutiert. Für den Milliardenmarkt mit CO2-Zertifikaten geht es ums Überleben, denn eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls ist unsicher. Zugleich wird in der EU um das CO2-Senkungsziel und die Rahmenbedingungen für die dritte Handelsperiode mit Emissionsrechten gefeilscht, wo die Schweiz erstmals mit von der Partie sein soll.

Das Ernüchterndste an den Diskussionen um einen wirksamen Klimaschutz ist nicht der Umstand, dass sich mit China, Indien und den USA die umweltschädlichsten Volkswirtschaften weiterhin gegen verbindliche Verträge sperren. Auch nicht, dass in der neuen EU-Handelsperiode ab 2013 weiterhin nur etwa 50 Prozent des CO2-Ausstosses erfasst werden und das Senkungsziel voraussichtlich nur 20 Prozent gegenüber dem Stand von 1990  betragen wird.

Das Ernüchterndste ist, dass der Handel mit CO2 auf den globalen Ausstoss von Treibhausgasen bislang wohl keinen Einfluss hatte. Dafür hat sich in den vergangenen Jahren ein System herausgebildet, das es unter anderem den umweltschädlichsten Industrien erlaubt hat, Milliarden zu scheffeln: Vornehmlich den Energieversorgern, der Stahl- und und der Zementindustrie.

CO2: Gratis erhalten und für Millionen verkauft

Holcim nimmt im Schnitt rund 100 Millionen Franken pro Jahr durch den Verkauf von Emissionsrechten ein. Gemäss einer Studie der Umweltorganisation Sandbag sitzt der Konzern auf Emissionsrechten im Wert von über 250 Millionen Franken. Emissionsrechte, welche die EU gratis verteilt hat. Grösster Profiteur des EU-Klimagoldregens ist der Stahlkonzern ArcelorMittal. Er besitzt für 2 Milliarden Franken Emissionsrechte, die er nicht braucht, um seine CO2-Ziele zu erreichen.

Umweltorganisationen wie Sandbag werfen den Unternehmen erfolgreiches Lobbying vor, dass das EU-Handelssystem so ist wie es ist. In der ersten Handelsphase von 2005 bis 2008 wurden so viele Emissionsrechte zugeteilt, dass sich im Nachhinein die Unternehmen einen 2,1 Prozent höheren CO2-Ausstoss erlauben konnten.

Energiekonzerne machten Milliarden, indem sie die zuvor viel zu hoch budgetierten CO2-Kosten an Konsumenten weitergegeben haben. In der zweiten, bis 2012 gültigen Handelsphase erweist sich die Zuteilung der Emissionsrechte wegen der lauen Konjunktur erneut als viel zu grosszügig. WWF und Branchen-Spezialisten wie Point Carbon errechneten bereits 2008, dass die EU damit "Windfall-Profits" zwischen 23 und 71 Milliarden Euro ermöglichen würde. Der Preis für eine Tonne CO2 halbierte sich im laufenden Jahr auf 9,30 Euro.

Erdklima als Rohstoff behandeln: Ein Denkfehler

In der dritten Phase will die EU ihre Gratis-Zuteilungen von Emissionsrechten nun etwas einschränken. Unternehmen bunkern deshalb zur Sicherheit ihre Zertifikate, sodass die CO2-Senkungskosten in der nächsten Periode eingespart werden können. Im Prinzip nützen Konzerne wie Holcim nur das aus, was mit dem System beabsichtigt worden war: Finanzielle Anreize zu setzen, damit Unternehmen aus eigenem Antrieb ihren Schadstoffausstoss senken und damit der "Rohstoff" CO2 knapper und teurer wird. Gemäss Holcim wurden 2011 80 Prozent der überzähligen Zertifikate verkauft.

Die anhaltende Erfolglosigkeit der Zweckmässigkeit dieses Systems liegt möglicherweise daran, dass es auf einem grundlegenden Denkfehler basiert: Indem Treibhausgasen ein Preis gegeben wurde, lässt sich die Klimaerwärmung über den Markt regulieren und steuern. Mit dem 2-Grad-Ziel bis 2050 wird im Prinzip behauptet, dass sich die klimatischen Entwicklungen in der Erdatmosphäre wie ein Rohstoff über Angebot und Nachfrage steuern lassen.

Als zusätzliches Instrument dafür wurde unter dem Kyoto-Protokoll der Clean Development Mechanism (CDM) erfunden. Auch in diesem Markt für CO2-Zertifikate spielt ein Schweizer Unternehmen mit, die Zürcher South Pole Carbon Asset Management. Private, Unternehmen und Industrieländer können ihren CO2-Ausstoss kompensieren, indem sie beispielsweise von South Pole Zertifikate kaufen, welche in Alternative-Energie-Projekten in Schwellenländern geschaffen werden. Es gibt mittlerweile über 3500 dieser CDM-Projekte, in die rund 28 Milliarden Dollar investiert wurde. Sie erzeugten 2009 über eine halbe Milliarde CO2-Zertifikate.

Kyoto-Protokoll nützt dem Klima nichts

Dass CDM-Projekte den weltweiten CO2-Ausstoss senken, ist allerdings auch ein Irrtum. Denn die Anzahl CO2-Zertifikate wird danach berechnet, wieviel Treibhausgas ausgestossen worden wäre, wenn es das entsprechende CDM-Projekt nicht geben würde. Dieser Markt erlaubt es Industrieländern und Unternehmen, ihre CO2-Reduktionen dort zu realisieren, wo es am billigsten ist. Holcim nützt auch dies aus: Einerseits als Käufer und andererseits als eigener Projektentwickler. Der Trick: Billige CDM-Zertifikate können mit teureren EU-Emissionsrechten getauscht werden. Holcim will bis 2012 aus eigenen Projekten bis zu 300'000 Zertifikate schaffen.

Eine der Grundideen des CDM war, dass Kapital und Energietechnologien von den Industrieländern in Schwellenländer fliessen. UNO und Weltbank haben die Anreize aber so gesetzt, dass das Kapital vor allem in die dreckigsten Industriezweige in China oder Indien fliesst, wo die Produktion von CO2-Zertifikaten nur ein paar Rappen kostet. Wiederum nützt das dem Klima nichts: Industrieländer und seine Unternehmen kompensieren mit diesen Zertifikaten nur, dass sie weiterhin auf fossile Energieträger setzen.

Holcim ist in der Zementbranche führend, was energieeffiziente Produktion und den Einsatz von alternativen Energiequellen betrifft. South Pole handelt nur mit CO2-Zertifikaten aus einwandfreien Projekten. Global betrachtet -  und die Klimaerwärmung wird zum globalen Problem – ist der CO2-Handel aber nur ein imaginärer Markt. Indem sich Regierungen und Unternehmen darin engagieren, erwecken sie den Anschein gegen die Klimaerwärmung vorzugehen. Dazu wäre aber ein fundamentaler Wandel im Umgang mit Energie, den Ressourcen, der Produktion und dem Verbrauch notwendig.