Bislang hatten die Schweizer Standortförderer ein einfaches Spiel, um ausländischen Firmen einen Umzug in die Schweiz schmackhaft zu machen. Faktoren wie Sicherheit, hoher Lebensstandard, gute Infrastruktur, politische Stabilität und tiefe Unternehmenssteuern überzeugten die Firmenchefs von Weltkonzernen. So haben in den letzten Jahren unter anderem Google, Yahoo, Ebay, McDonalds, Shell, Nissan, Honeywell und Chiquita ihren europäischen Sitz in die Schweiz verlegt.
Der globale Wettbewerb um internationale Firmen hat sich deutlich verschärft. Nebst dem schwindenden Steuervorteil der Schweiz und dem Druck auf eine restriktivere Regulierung der Einwanderung, wie es beispielsweise die SVP-Einwanderungsinitiative verlangt, fällt seit kurzem auch der starke Franken immer deutlicher ins Gewicht.
Osec nimmt Währungsproblematik ernst
"Die Währungsproblematik verschärft die Ausganglage im Wettbewerb, und das bereitet mir momentan grosse Sorgen", sagt Osec-Direktor Daniel Küng. Es werde zunehmend schwieriger, asiatische oder andere aussereuropäische Firmen zu motivieren, ihre Hauptsitze in die Schweiz zu bringen. Denn in der EU könnten sie zu weit günstigeren Konditionen ihr neues Standbein errichten.
Ähnlich tönt es auch bei Martin Naville, dem Chef der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer in Zürich: "Es hat bereits ein Abschmelzungsprozess bei den ausländischen Firmen in der Schweiz begonnen", sagt er zu cash. In persönlichen Gesprächen mit Firmenchefs habe sich gezeigt, dass der Spardruck wegen des starken Frankens spürbar sei.
Zunehmend aggressiver Kampf um Firmen im Ausland
Es spielt noch niemand mit dem Gedanken, aus der Schweiz wieder wegzuziehen. Aber erste Schritte sind bereits sichtbar: "Es wird weniger Personal angestellt als geplant, oder es werden Projekte statt in der Schweiz im Ausland durchgeführt, oder es werden Funktionen ins Ausland verlagert", sagt Naville. Wegen des starken Frankens habe die Schweiz nicht mehr einen grossen Vorsprung. "Länder wie Holland, England, Deutschland, Singapur und Saudiarabien sind aggressiv in den Wettbewerb eingestiegen", so Naville weiter.
Für ihn ist deshalb vordergründig, dass sich die Schweiz auf ihre übrigen Standortvorteile besinnt – und nicht diese aus politischen Gründen schwächt. "Je mehr Punkte gegen die Schweiz entscheiden, desto eher wird sich ein Unternehmen für ein anderes Land entscheiden", sagt Naville.
Standortförderer sehen noch keine Auswirkungen
Vorderhand sind die Auswirkungen des Frankens noch nicht spürbar. Greater Zurich Area, der Standortmarketing-Verbund von sieben Deutschschweizer Kantonen, geht davon aus, dass sich 2011 ähnlich viele ausländische Firmen in ihrem Gebiet niederlassen wie in den Jahren zuvor. Seit 2006 bewegt sich diese Zahl zwischen 95 und 118. "Wir stellen bislang keine Auswirkung des starken Frankens fest", sagt Sprecherin Katja Hofmann. Das Interesse ausländischer Firmen sei wegen der Attraktivität des Grossraums Zürich gross.
Ein ähnliches Bild zeichnet auch Greater Geneva Berne Area, der zweite grosse Verbund von Standortförderern in der Schweiz. Im April lautete die Bilanz ihres ersten Betriebsjahrs: 54 angeworbene ausländische Firmen, über 300 neu geschaffene Arbeitsplätze. Allerdings beschränken sich die Aktivitäten fast ausschliesslich auf den Arc Lémanique und Genf, wo sich ein Mekka für Ölhändler bildet. Im Februar 2011 stiess auch noch Russlands grösste Ölfirma Rosneft dazu.
Es überrascht nicht, dass sich der schleichende Rückzug in den offiziellen Zahlen noch nicht niederschlägt. Die Umzüge der Firmensitze vom Ausland in die Schweiz sind seit langer Zeit geplant und trotz verschlechterter Bedingungen durchgezogen worden. Naville geht deshalb davon aus, dass bereits nächstes Jahr rückläufige Zahlen feststellbar sind.

