Vor fast 11 Jahren gewann Professor Daniel Kahneman zusammen mit dem Experimentalforscher Vernon Smith den Nobelpreis für Wirtschaft. Kahneman war der erste Psychologe und Nicht-Ökonom, dem dies auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften gelang.

"Der Nobelpreis hat die Art und Weise, wie ich die Dinge betrachte, nicht verändert", sagt Kahneman im cash-Video-Interview am Rande des Institutional Money Kongresses in Frankfurt, bei dem Kahneman als Gastredner auftrat. Verändert haben sich in den letzten Jahrzehnten auch seine wissenschaftlichen Standpunkte nicht, die bei manchen Investoren und Old-School-Ökonomen für Kopfschütteln gesorgt haben.

Der bald 79-jährige Kahneman, lange Zeit Inhaber der Eugene-Higgins-Professur für Psychologie an der Woodrow Wilson School der Princeton-University, untersucht menschliche Entscheidungsprozesse, speziell die Entscheidungsfindung in Phasen der Unsicherheit. In vielen Experimenten konnte Kahneman zeigen, dass wir uns zu sehr auf die eigenen Erfahrungen verlassen und dass die meisten Menschen zu ungerechtfertigtem Optimismus neigen und sich überschätzen - auch an den Finanzmärkten. Für Kahneman ist der rationale Marktteilnehmer etwas, das es nicht gibt.

Denn das Börsengeschehen ist laut Kahneman viel zu chaotisch, um vorhersehbar zu sein. Und "je grösser und perfekter die Finanzmärkte werden, desto unvorhersehbarer und unprognostizierbarer sind sie", sagt der Nobelpreisträger im cash-Video-Interview. Dies deshalb, weil sehr viele Leute Vorteile aus den Möglichkeiten der Märkte ziehen wollen. Die einzige Regularität in den Finanzmärkten sei die, "dass es immer viele Überraschungen gibt. Und die Überraschungen sind immer wieder anders".

Vertreter der Verhaltensökonomie

Kahneman ist einer der prominentesten Vertreter der Verhaltensökonomie; er hat die Erkenntnisse seines Forscherlebens in seinem jüngst erschienene Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" zusammengefasst. Er geht dabei von einem Zusammenspiel zweier menschlicher Denksysteme aus. Einem schnellen sowie intuitiven, das häufig zu falschen Handeln und Entscheidungen führt, und einem zweiten, langsameren und analytischen, das die Menschen zu wenig berücksichtigten. Oft lasse sich der Mensch von seinem Unterbewusstsein und seiner Intuition leiten.

Der in Tel Aviv geborene Kahneman sagte einmal, dass Krisen wie die gegenwärtige Finanz- und Schuldenkrise verhindert werden können, indem man etwa die Finanzindustrie zwinge, ihren Kunden bei der Vergabe von Hypotheken einfachere Formulare vorzulegen. Damit die Kunden nicht dazu neigen, ihre eigene Finanzkraft zu überschätzen. Dennoch hegt Kahneman Zweifel an der Lernfähigkeit der Marktakteure.

"Ich bin mir nicht sicher, ob die Marktteilnehmer etwas von der gegenwärtigen Krise etwas gelernt haben", sagt Kahneman zu cash. "Ich weiss auch nicht, wie wir etwas lernen können. Normalerweise lernen wir auch zu viel von der Erfahrungen, und nicht zu wenig".

Kahneman will keine Anlage oder Verhaltensregeln für Investoren geben. Doch "wenn ich Anlegern einen Tipp geben müsste, dann der: Vertrauen Sie keinen Leuten, die Ihnen sagen , wie sich die Märkte entwickeln werden".
 

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