cash: Herr Prof. Flassbeck, sind Sie ein Wutökonom?

Heiner Flassbeck: Ich weiss nicht. Sehe ich so aus? (lacht)

Ich stelle seit unserem letzten Interview vor zwei Jahren eine Radikalisierung in der Europa-Frage fest. Damals waren Sie positiv für die Eurozone, jetzt plädieren Sie öffentlich für die Teilung des Währungsraumes. Warum?


Ich sage das, weil die politischen Schäden mittlerweile gewaltig sind. Ich sehe keine wirtschaftliche Lösung, ich sehe auch keine Bereitschaft bei der deutschen Regierung, dass sie wirklich entscheidende Schritte tun will zur Angleichung der Wettbewerbsfähigkeit im Euroraum. Die Austeritätspolitik muss meiner Meinung nach beendet werden, weil sie nur Schaden anrichtet. Die Wirtschaft kann gar nicht wachsen ohne positive Impulse. Ich sage ja nicht, dass die Währungsunion unmittelbar auseinander gehen soll. Aber man muss unbedingt aufhören mit den politischen Beschimpfungen, die vor allem von Deutschland in Richtung Südeuropa gehen. Damit wird in wenigen Jahren alles zerschlagen, was in den letzten 50 Jahren aufgebaut wurde.

Dann war Ihre Proklamation 'Euroländer: Trennt Euch' bloss eine Provokation?


Es war eine gezielte Provokation. Ich bin immer noch Euro-Anhänger, ich bin Europäer von Herzen. Aber die positiven Effekte des Euro in einer Währungsunion sind nicht so gross, dass sie es erlauben würden, das ganz politische Porzellan zu zerschlagen. Wir sehen derzeit eine Deeuropäisierung und eine Desintegration in Europa. Das ist das Schlimmste, was passieren kann.

Aber es gibt kein Zurück für den Euro, das hat EZB-Präsident Mario Draghi unmissverständlich verkündet.


Draghi hat ja den richtigen Schritt getan…

…am 6. September bei der Ankündigung der unbegrenzten Staatsanleihekäufe…

Genau. Aber ihm fehlt die Unterstützung der Regierungen, vor allem der deutschen. Diese muss viel stärker als bisher ihre Bereitschaft bekunden, beim entscheidenden Problem, nämlich beim Wettbewerbsfähigkeitsproblem innerhalb des Euroraumes, mitzuarbeiten und nicht bloss bei der Fiskalperipherie.

Ist Besserung in Sicht?

Es gibt einige Signale, dass dies begriffen wird. Bundeskanzlerin Angela Merkel kann immerhin schon das Wort 'Lohnstückkosten' sagen. Es ist etwas im Gange, aber es ist viel zu wenig und es geht viel zu wenig schnell. Die politischen Systeme sind nicht beliebig stabil. Es kann jederzeit passieren, dass ein Land unregierbar wird, und dies mitten in Europa.

Sie kritisieren Deutschland seit langem wegen der tiefen Lohnstückkosten und wegen der dadurch erzielten Leistungsbilanzüberschüsse. Ihr Antipode, ex-EZB-Chefökonom Otmar Issing, sagte im cash-Interview vor ein paar Wochen: In anderen Ländern seien die Lohnsteigerungen weit über den Produktivitätsanstieg hinausgegangen. Es sei schlichtweg absurd, dafür Deutschland die Schuld zuzuweisen.

Die anderen Länder haben zu hohe Lohnstückkosten, aber in Deutschland wurden sie bewusst zu niedrig gehalten. Das Inflationsziel von zwei Prozent war die gemeinsam verabredete Messlatte. Diese hat Deutschland unterboten, die anderen Länder lagen darüber. Insofern hätte man ja zugeben können, dass beide Fehler gemacht haben. Frankreich lag ja auf der Linie von zwei Prozent, nun fängt das Land auch an, die Löhne zu kürzen. Das ist genau der Weg in die falsche Richtung. Es können nicht alle gleichzeitig ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Das konnte Deutschland in der historisch einmaligen Situation zehn Jahre lang tun, als die anderen Länder nicht reagierten. Jetzt wissen wir, dass dies schief gelaufen ist. 

In Ihren Euro-Endgedanken schlagen Sie vor, dass südeuropäischen Staaten nicht einzeln, sondern gleich als Gruppe austreten sollen. Ist das so einfach?

Nichts ist einfach. Ich habe mich vor allem über Sprüche aus Deutschland wie 'Wir schmeissen die Griechen raus' aufgeregt. Wie soll denn das gehen? Man kann kein Land aus einer Währungsunion schmeissen. Wo soll denn das Land eine neue Währung herhaben? Die Einführung einer neuen Währung dauert ein bis zwei Jahre. Die Leute im betreffenden Land würden das Geld in Sicherheit bringen, es gäbe einen Banken-Run und einen Zusammenbruch des Finanzsystems. Wenn es überhaupt eine Möglichkeit gibt, dann sollten mehrere Länder gemeinsam austreten mit der entsprechenden Umsetzung von Massnahmen wie sofortige Kapitalverkehrskontrollen. Das würde sicher chaotisch sein und mit schrecklichen politischen Verwerfungen einhergehen. Aber eben: Am Ende muss man sich fragen, ob wir so weitermachen wollen wie bis jetzt. Nämlich mit einer Austeritätspolitik in Ländern, die bereits in einer tiefen Rezession stecken.

Können Sie das mit Zahlen illustrieren?

Den USA droht ein 'Fiscal Cliff', der 5 Prozent der Wirtschaftsleistung entspricht. Alle sind aufgeregt darüber. Spanien und Griechenland, die in einer viel schlimmeren Situation stecken, mutet man aber einen 'Fiscal Cliff' von 7 und 8 Prozent zu. Das ist doch verrückt.

Der zweite Teil des cash-Interviews wird heute Montag um 13:30 Uhr publiziert. Im Video-Interview äussert sich Heiner Flassbeck auch zu EZB-Zinssenkungen und zur Wirtschaftsentwicklung in Europa.

Heiner Flassbeck (61) ist Chefökonom der UNO-Organisation Unctad (Welthandels- und Entwicklungskonferenz) in Genf. Davor war er Staatssekretär unter dem deutschen Finanzminister Oskar Lafontaine. Flassbeck studierte Volkswirtschaftslehre an der Univrsität des Saarlandes und promovierte in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Seit 2005 lehrt er als Honorarprofessor an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik. Er ist Autor mehrerer Bücher.

Das Interview wurde anlässlich des Swisscanto Market Outlooks 2013 geführt, an dem Flassbeck als Gastredner auftrat.