Die Schweiz sei in Sachen Währungspolitik das neue China, behauptete die "Financial Times" am Mittwoch in einem Artikel auf der Frontseite. Der Artikel fand hierzulande grossen Widerhall. Doch der Vergleich mit dem "Reich der Mitte" ist alles andere als neu.

"Die Schweiz ist wie China" – das sagte Starökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman bereits im Sommer 2010 in einem Interview mit cash anlässlich des Swiss Economic Forum in Interlaken. "Die Schweiz macht ja eigentlich das, was China tut. Beide intervenieren, um die eigene Währung zu schwächen", sagte Krugman damals zur Politik der Schweizerischen Nationalbank (SNB). 

Was Krugman damals aber noch nicht ahnen konnte: Die SNB ist seit letztem September, als sie die Kursuntergrenze eingeführt hatte, noch viel «chinesischer» geworden, um den Euro-Kurs von 1,20 Franken durchzusetzen. Im zweiten Quartal sind deshalb die Devisenreserven der SNB um rund 100 Milliarden Franken angestiegen. 

Im Juli waren die Devisenhändler der Schweizerischen Nationalbank hingegen deutlich weniger gefordert: Trotz zunehmender Turbulenzen in der Euro-Schuldenkrise mussten sie in diesem Monat weniger intervenieren als in den Monaten zuvor. Darauf deutet die Zunahme der Sichtguthaben der SNB hin, die als Indikator für die Interventionen auf den Devisenmärkten gilt. Die genauen Zahlen publiziert die SNB am nächsten Dienstag. 

SNB mit geringerer Diversifikation

Im Juli stiegen die Sichtguthaben nur noch um 40 Milliarden Franken an. Im Vormonat hatte die Zunahme noch bei über 50 Milliarden Franken gelegen. Dennoch muss die SNB pro Tag für zwei bis drei Milliarden Franken Euro kaufen, um die Kursuntergrenze zu halten. Das bläht die Devisenreserven weiter auf. Mitte Jahr lagen diese bei 365 Milliarden Franken - das entspricht  bereits rund 60 Prozent des Bruttoinlandprodukts der Schweiz aus. 

Diese Woche hat die Nationalbank zudem bekanntgegeben, dass der Euro-Anteil an den Reserven von 51 auf 60 Prozent hochgeschnellt ist. "Das hat die Märkte ziemlich überrascht", sagte ein Devisenhändler zu cash. Offenbar bekunde die SNB immer grössere Mühe, die gekauften Euro in andere Währungen zu diversifizieren. Zuletzt hatten die Schweizer Währungshüter ihre Euro-Positionen vor allem in US-Dollar, Yen, britische Pfund und kanadische Dollar gewechselt. 

Von Entwarnung also keine Spur: "Vor allem aus dem angelsächsischen Raum haben sich Spekulanten gegen die SNB positioniert und spielen ein Duell auf Zeit", so der Devisenhändler. Diese würden darauf setzen, dass die SNB den Mindestkurs nicht mehr über längere Zeit halten könne. 

Politischer Gegenwind droht

Denn ein Ende der Euro-Schuldenkrise ist nach wie vor in weiter Ferne. "Die SNB wird auch in der nächsten Zeit pro Monat mit einem zweistelligen Milliardenbetrag intervenieren müssen, sollte sich das Umfeld an den Finanzmärkten nicht wesentlich ändern", sagt Credit-Suisse-Währungsanalyst Bernd Berg zu cash. 

Die Devisenreserven werden also weiterhin in hohem Tempo ansteigen und dürften innerhalb der nächsten sechs Monate die Höhe des Bruttoinlandprodukts erreichen - eine psychologische Barriere. Bei anderen kleinen offenen Volkswirtschaften machen die Währungsreserven bereits 90 (Hongkong) bis 120 Prozent (Singapur) der Wirtschaftsleistung aus. Doch sollten die Devisenreserven in der Schweiz in ähnliche Höhen vorstossen, droht der SNB vor allem eins: politischer Gegenwind. 

Vor allem rechtskonservative Kreise dürften eine solche Aufblähung zum Anlass nehmen, um gegen die SNB-Währungspolitik Sturm zu laufen. Bereits im Juni hatten SVP-Stratege Christoph Blocher und Rentner Oswald Grübel gefordert, die SNB sollen den Wechselkurs freigeben. Solche Forderungen könnten in Zukunft wieder deutlich zunehmen. 

Die Kritiker werfen der SNB vor, dass sie nicht in der Lage sei, den Mindestkurs über längere Zeit zu halten. Deshalb drohe die Gefahr, dass es zu grossen und plötzlichen Verwerfungen im Währungsgefüge kommen könne mit riesigen Verlusten für die SNB. Zudem drohe der Import von Inflation, wenn der Euro-Kurs zu lange künstlich bei 1,20 Franken gehalten werde.