Seit über elf Monaten verteidigt die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken erfolgreich. Die ersten drei Monate nach der Festsetzung der Mindestgrenze am 8. September 2011 musste sie dafür kaum Geld in die Hand nehmen, der Kurs lag in beruhigendem Abstand zur Untergrenze.
Die Unruhe und Unsicherheit an den Märkten war noch einigermassen gross. Alleine die Erwähnung, dass die Untergrenze je nach Umständen erhöht werden könnte, führte zu Nervosität unter den Devisenspekulanten und damit zu einer leichten Abwertung des Frankens. Im Dezember überschritt der Euro-Kurs zeitweise sogar die Marke von 1,24.
Doch schon gegen Jahresende und zu Jahresbeginn begann sich der Kurs allmählich Richtung 1,20 zu bewegen - dies ausgerechnet in einer Zeit, als die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihren Niedrigzins-Krediten an die Banken die Märkte mit billigem Geld überflutete und temporäre Sicherheit in die Märkte zurückbrachte. Eine Entwicklung, welche SNB-Direktoriumsmitglied Jean-Pierre Danthine als "enttäuschend" einstufte, wie er Mitte März beim Geldmarkt-Apéro der SNB sagte.
Seit Anfang April klebt der Wechselkurs nun an der 1,20-Franken-Linie, die Anbindung des Franken an den Euro ist nicht nur blosse Theorie, sondern seit über vier Monaten ein Fakt. Allerdings sieht sich die Notenbank seit einiger Zeit wegen des schwächelnden Euros schwer in die Defensive gedrängt und muss im Schnitt täglich zwei bis drei Milliarden Franken aufwenden, um die Kursuntergrenze zu verteidigen.
Forderung nach flankierenden Massnahmen
Die SNB hat vor allem auf verbaler Ebene ihr Pulver weitgehend verschossen. Die Märkte zeigen sich heute völlig unbeeindruckt von öffentlichen Äusserungen von SNB-Direktoriumsmitgliedern, die auf eine Schwächung des Franken abzielen.
Daher fordern nun einige Währungsspezialisten, die SNB solle zu flankierenden und neuen Massnahmen greifen, um den Franken abzuschwächen. Mit dem Ziel, die Märkte und die Spekulanten zu verunsichern. Der emeritierte Basler Wirtschaftsprofessor Peter Bernholz schlägt beispielsweise vor, mit überraschenden und starken Interventionen den Euro-Kurs gelegentlich hochzudrücken.
"Das würde kurzfristig zwar grössere Devisenkäufe zur Folge haben, aber vermutlich wegen der geschaffenen Unsicherheit das Ausmass der Interventionen zur Verteidigung der 1,20 verringern", sagt Bernholz gegenüber cash. Bernd Berg, Währungsspezialist bei der Credit Suisse, schliesst weitere Schritte der SNB in den kommenden Monaten denn auch nicht aus: "Die SNB könnte doch noch die Einführung von Negativzinsen oder Kapitalverkehrskontrollen in Erwägung ziehen."
«Keine Wundermittel»
Von "weiteren Massnahmen", welche die Zentralbank bei schlechten Wirtschaftsaussichten und deflationären Risiken "jederzeit ergreifen" könne, spricht die SNB seit letztem September immer wieder. Sie blieben allerdings bislang aus.
Offenbar zu Recht, wie Niklaus Blattner urteilt. Vor allem bezüglich Negativzinsen oder Kapitalverkehrskontrollen gibt er sich skeptisch: "Man darf von diesen Massnahmen nicht zu viel erwarten", sagt der Ex-SNB-Vizepräsident gegenüber cash. Und zum Vorschlag von Bernholz meint er gar: "Das ist eine Illusion."
Blattner will zwar nicht ausschliessen, dass die SNB in Zukunft nebst den Devisenmarkt-Interventionen auf andere Massnahmen zurückgreife. Aber derzeit sei das kein Thema.
Denn der Druck, der auf die Euro-Untergrenze laste, sei riesig geworden. Dabei bezieht sich Blattner auf die in den letzten drei Monaten sprunghaft angestiegenen Euro-Käufe der SNB. Zwischen Mai und Juli haben die Devisenreserven um gut 150 Milliarden auf den Rekordstand von 406 Milliarden Franken zugenommen.
Frischer Wind mit Zurbrügg
"Die SNB befindet sich momentan in einer kritischen Phase", so Blattner. Solange die Euro-Zone ihre politische und wirtschaftliche Glaubwürdigkeit nicht zurückgewonnen habe, müsse man zufrieden sein, wenn die SNB die Untergrenze überhaupt verteidigen könne.
Immerhin ist das Direktorium der Nationalbank seit 1. August wieder komplett. Der 52-jährige Fritz Zurbrügg ist in seinem Ressort für die Verteidigung des Euro-Mindestkurses verantwortlich. Der ex-Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung ist es gewohnt, Milliardenbeträge zu verschieben.
Als ehemaliger Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds in Washington verfügt er über ausgezeichnete internationale Kontakte - und über ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit. Zurbrügg ist perfekt viersprachig. Das sollte ihm helfen, den Euro-Mindestkurs international zu erklären. Das wäre dann eine verbale SNB-Intervention und Massnahme der friedlichen Art.
Am 9. August 2011 erreichte der Franken die Fast-Parität zum Euro und ein Rekordhoch gegen den Dollar. In einer Artikel-Serie in dieser Woche beleuchtet cash heisse Fragen zum Thema Frankenstärke. Bisher erschienen:
Teil 1: «Ein Euro-Kurs um 80 Rappen wäre möglich»
Teil 2: SNB-Devisenreserven: cash-Leser werden skeptisch
Teil 3: Dem Tourismus stehen weitere magere Jahre bevor
Teil 4: Strahm: «Importpreise müssen noch mehr sinken»
