Ob Vuvuzelas, Nationalhymnen als Klingeltöne, Promi-Turniere, Handyhüllen in Landesflaggen-Design oder SMS-Ticker zum aktuellen Spielstand: Die Netzbetreiber lancieren für die Fussball-Weltmeisterschaft Dutzende neuer Dienste. Das bringt Mehreinnahmen - aber auch mehr Bits und Bytes auf den Mobilfunknetzen.
So rechnet etwa Anbieterin Orange mit einer Vervier- bis Verfünfachung der Datennutzung bei ihrem TV- und anderen WM-spezifischen Angeboten. «Dies entspricht einem Erfahrungswert von der letzten Weltmeisterschaft sowie der Europameisterschaft 2008», sagt Orange-Sprecherin Therese Wenger.
Spiele während der Rushhour
Sunrise und Swisscom rechnen ebenfalls mit einer erhöhten Datennutzung. Wie stark die Zunahme sein wird, darüber herrscht jedoch keine Einigkeit. Branchenprimus Swisscom kommuniziert, dass man «nicht mit Problemen bei den Netzkapazitäten» rechne. Und verweist auf die Euro 08 in der Schweiz und Österreich, bei der es zu keinen Engpässen gekommen sei.
Doch mit der EM vor zwei Jahren ist die am Freitag startende Weltmeisterschaft nicht vergleichbar. Seit 2008 hat sich die mobile Datennutzung verdreifacht, die Zahl der Smartphones wie iPhones hat sich verdoppelt. Und mit solchen Endgeräten lassen sich insbesondere datenintensive Anwendungen komfortabel nutzen.
Zudem wird jedes dritte Fussballspiel um 16.00 Uhr angepfiffen und dauert bis 18.00 Uhr - und fällt damit genau in die Zeit der Pendlerströme. Währenddessen stossen schon heute die Netze an Hotspots wie dem Zürcher Hauptbahnhof an ihre Grenzen. Ohne WM.
«Schweizer surfen immer mehr»
Von einem möglichen Datenkollaps, auch einem regional beschränkten, wollen alle Netzanbieter nichts wissen. Das erstaunt. Noch im Juli vom letzten Jahr sprach zum Beispiel Sunrise offen darüber, dass «in Zukunft mit Kapazitätsproblemen zu rechnen ist». In Zukunft heisst bis 2011.
«Die Schweizer telefonieren und surfen immer mehr mobil», sagt Sunrise-Chef Christoph Brand damals zu cash. Um den Datenmengen Herr zu werden, müssten neue Antennen gebaut werden. Das Problem: Die wachsende Opposition gegen neue Antennen-Standorte. «Der Widerstand ist derzeit sehr gross», so Brand.
Mobiler Datenverkehr explodiert
Tatsächlich werden gegen vier von fünf neuen Antennen Einsprache eingereicht, gegen jede dritte gibt es ein Beschwerdeverfahren. Von der Akquisition bis zum Betrieb einer Anlage dauert es im Durchschnitt 18 Monate. Manchmal auch mehr als drei Jahre. Die Folge: Die nachgefragten Kapazitäten können nicht rechtzeitig zur Verfügung gestellt werden. Damit drohen künftig Internetzugriffe zu stocken oder lokal gar nicht mehr möglich zu sein - trotz der inzwischen über 30'000 Mobilfunk-Standorte in der Schweiz.
Mit Kapazitätsengpässen ist die Schweiz in bester Gesellschaft. So hat etwa der US-Operater AT&T letzte Woche ein Daten-Flatrate-Abo gestoppt. Grund: Der mobile Datenverkehr explodiert. In grösseren Städten der Vereinigten Staaten, dort vor allem in den Zentren, kommen die Netze regelmässig zum Erliegen.
Eine Grossveranstaltung wie die Weltmeisterschaft könnte auch in Schweizer Städten die Mobilfunknetze ans Limit bringen.
