cash: Es gibt umfassende empirische Untersuchungen, die zeigen, dass in den letzten 200 Jahren nach einer grossen Finanzkrise die Staatsbankrotte immer zugenommen haben. Die Märkte reagierten in den letzten Tagen aber extrem überrascht über die Möglichkeit eines Staatsbankrotts von Griechenland. War das nicht vorherzusehen?
Klaus Neusser: Es hat nicht danach ausgesehen. Ich hätte ehrlich gesagt auch nicht gedacht, dass das Bail-out oder die Rettung von Griechenland kommt. Man hätte die Probleme viel cooler abwickeln können. Man hätte die kurzfristigen Schulden in langfristige umwandeln können. Oder eine Umschuldung, die die Griechenland-Gläubiger mit einbezogen hätte, wäre auch möglich gewesen. Das wäre nicht so kostenintensiv gewesen. Und man hätte deutlich weniger Schaden angerichtet als mit dem jetzt aufgespannten Rettungsschirm in der Höhe von 750 Milliarden Euro.
Wie beurteilen sie die Abwertung des Euro?
Was erstaunt, ist die Panik und Kopflosigkeit der Politiker. Der Wechselkurs ist ein natürlicher Anpassungsmechanismus. Die Eurozone profitiert vom schwachen Euro über die Exporte. In diesem Sinne sehe ich das eher positiv.
Kann man sagen, dass das Grundproblem der jetzigen Vertrauens- und Euro-Krise das Fiat-Geld ist, also der Umstand, dass Zentralbanken beliebig Geld drucken können, um Systemkrisen zu bewältigen?
Das sehe ich nicht so. Das ganze moderne Wirtschaftssystem baut auf dem Fiat-Geld auf. Würde man das wegnehmen, wäre das eine Katastrophe. Viel wichtiger erachte ich das Problem einer zeitinkonsistenten Politik.
Zeitinkonsistente Politik?
Das bedeutet einfach gesagt: Man muss die Versprechen halten, die man macht. EU-Politiker haben in den letzten Tagen aber ganz anders gehandelt, als sie einmal versprochen hatten. In allen EU-Verträgen stand, dass der Bail-out eines Landes keine Option sei. Jetzt kam der grosse Test und man hat doch ein Bail-out gemacht. In der Ökonomie nennt man das ein Problem der Zeitinkonsistenz. EZB und EU haben zeitinkonsistent gehandelt und damit viel Vertrauen verspielt und offensichtlich auch die Finanzmärkte überrumpelt.
Ist die EU damit ökonomisch gesehen in eine neue Zeit eingetreten?
Ich sehe schon einen Politikwechsel. Wir haben von einem deutschen zu einem mediterranen Gleichgewicht gewechselt. Die EU ist damit in Mechanismen zurückgefallen, die die Italiener immer gehabt, und die die Deutschen nie gewollt haben. Wenn es Probleme gab, haben die Italiener einfach die Währung abgewertet, und dann ging es wieder ein Zeit lang besser. So lautet jetzt auch die neue Devise in der EU. Wir haben eine stabilitätsorientierte Politik verlassen und kommen in eine Politik, die mehr Unruhe bringt.
In Bezug auf die Wechselkurse?
Ja, und auch in Bezug auf die Inflation. Ich bin überzeugt, dass die EU einen Teil der Schulden, die sie sich jetzt auflädt, über eine erhöhte Inflation zu tilgen versuchen wird.
Die EZB wird also die Notfall-Liquidität, die sie im Zug der Finanzkrise und der jetzigen Schuldenkrise ins Finanzsystem eingeschossen hat und noch immer einschiesst, nicht so bald als möglich wieder abschöpfen?
Das können Sie vergessen. Als die EZB gesagt hat, dass sie griechische Staatspapiere kauft, ist klar geworden, dass ein baldiger Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik nicht mehr angesagt ist.
Sie rechnen mit einer erhöhten Inflation?
Ja. In zwei, drei Jahren erachte ich in der EU eine Inflationsrate von 5 bis 6 Prozent als realistisch. Der Chefökonom Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard, hat Politiker ja schon vor einiger Zeit zu einer Politik erhöhter Inflation ermuntert. In den USA dürfte die Inflation sogar in den Grössenbereich von 6 bis 8 Prozent vorstossen. Die Versuchung des Schuldenabbaus durch erhöhte Inflation ist gross, weil damit andere unpopuläre Massnahmen wie höhere Steuern weniger einschneidend ausfallen werden.
Aber gleichzeitig wird dadurch das Vertrauen in Nominalwerte wie Staatspapiere verspielt.
Der Schuldenaufbau der europäischen Staaten ist ja auch ernorm. Das 750-Milliarden-Euro-Rettungspaket kann eigentlich gar nicht finanziert werden. Das heisst: Die Möglichkeit eines Bankrotts oder einer Umschuldung von Griechenland ist nach wie vor da. Dass man unter diesen Voraussetzungen nicht unbedingt griechische Staatobligationen halten will, kann ich verstehen.
Werden die EU und der Euro daran zugrunde gehen?
Die EU wird es nicht zerreissen. Auch den Euro werden wir weiter haben. Aber wir werden den Euro nicht als Weltwährung haben. Das haben sich viele erhofft, und man war auch nahe dran. Der Euro wird jetzt eine Währung wie jede andere sein, mit all den Unwägbarkeiten der politischen Einflussnahme.
Bemerkenswert in historischer Perspektive ist der Wechsel zwischen Zuversicht und Hoffnungslosigkeit: In Zeiten der Zuversicht werden Kredite quasi wie blöd vergeben und die Schulden aufgebaut, in Zeiten der Hoffnungslosigkeit werden die Schulden wieder abgebaut. Werden die Menschen auf immer und ewig diesen Schwankungen unterworfen sein?
Diesen Rhythmus wird es immer geben. Schon im alten Ägypten kannte man die sieben fetten und sieben mageren Jahre. Natürlich wollen die Menschen ein möglichst stabiles System. Nicht zuletzt weil Krisen immer auch Kosten verursachen. Aber auf der anderen Seite bieten Krisen auch Chancen. Bei der Dotcom-Blase hat man das Internet als Geschäftsmodell auszuloten versucht. Viele Unternehmen sind nach einer anfänglichen Aufbruchsstimmung aber zugrunde gegangen. Diejenigen, die es schaffen sind dann aber die grossen Zampanos.
Übertreibungen sind also Teil des ökonomischen Fortschritts?
Ja. Fehlten diese Euphorieschübe, verlöre man aus ökonomischer Sicht viel. In Übertreibungsphasen werden viele Ideen generiert. Neue Ideen und das Auslosen ihrer Möglichkeiten - das bringt die Wirtschaft weiter. Dieser Prozess ist aber auch immer mit Übertreibungen verbunden. Insofern glaube ich, dass wir immer Übertreibungen und Korrekturen sehen werden.
Dann wäre es aber hilfreich, wenn die Ökonomie solche Stimmungsumschwünge erkennen könnte. Im aktuellen Kontext hat sie dabei aber versagt.
In der Ökonomie haben wir es mit Akteuren zu tun, die sich strategisch verhalten und dabei in die Zukunft schauen. Das schafft Unsicherheiten und auch banale Ereignisse können plötzlich zu Vertrauenskrisen führen. Das kann auch mit falschen Schätzungen zu tun haben. Das Ökonomie-System ist viel volatiler als etwa die Physik, die durch die Vergangenheit bestimmt wird.
Ist die Ökonomie mit ihrer mathematisch-statistischen Ausrichtung nicht einfach zu einseitig?
Die Wirkung einer Erwartungsbildung auf das Handeln ist mit den vorhandenen Modellen gut abgebildet. Aber vielleicht unterstellt der Ökonom den Akteuren ein zu grosses Wissen. Die Menschen sind wahrscheinlich viel unsicherer, als Ökonomen gemeinhin denken.
Und dennoch hält die Ökonomie am stets rational handelnden Akteur fest?
Personen sind vernunftgeleitet. Zumindest kann man das den grossen Akteuren wie Pensionsfonds oder Hedge Funds unterstellen. Die handeln strategisch. Zudem handeln wirtschaftliche Subjekte im eigenen Interesse. Irrationales Handel ist nicht das Problem, sondern wie gesagt eher die Unsicherheiten. Alle tun so, als ob sie alles wüssten…
… auch die Ökonomen?
Ja, die Unsicherheit des Ökonomen gegenüber seinen Modellen ist sehr gross.
Wie das?
Banal gesagt ist etwa jede Schätzung des Bruttoinlandprodukts (BIP) eine Schätzung. Hinter jeder Berechnung stehen Annahmen, die falsch sein können. Dann ist jedes Modell eine Vereinfachung der Realität. Und die Parameter in den Modellen sind auch wieder nur Schätzungen. Dann gibt es nicht nur ein Modell sondern zahlreiche. Alles zusammen schafft eine riesige Unsicherheit. Dazu kommen Messfehler. Grundsätzlich sollte man sich vielleicht einfach von der (europäischen) Vorstellung verabschieden, dass alles planbar ist, und dass man alles im Griff hat.
Was darf man dann von der Ökonomie erwarten?
Ein besseres Verständnis der Zusammenhänge. Aber es gibt sicher noch einiges, das man in der Ökonomie besser machen kann. Die Modellunsicherheit muss stärker thematisiert werden. Man braucht robustere Modelle. Erste Ansätze gehen dahin, dass man mit verschiedenen Modellen gleichzeitig arbeitet, einem keynesianischen und einem monetaristischen etwa. Man sollte sich zudem von präzisen Punktprognosen verabschieden. Es wäre ehrlicher, wenn man sagen würde: Der Mittelwert unserer BIP-Wachstumsschätzung liegt bei 1,5 Prozent mit einer Schwankungsbreite von plus/minus 1 Prozent. Die Bank of England kann in dieser Hinsicht mit ihrer Inflationsprognose als Vorbild gelten.
Im Video sagt Klaus Neusser, was er in den nächsten Jahren von der Schweizer Wirtschaft erwartet und wie tief der Euro gegenüber dem Franken noch fallen könnte.

