Mit der Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB), wonach sie unter bestimmten Bedingungen Anleihen von Euro-Staaten unbegrenzt kaufen will, hat die Notenbank letzten Donnerstag eine neue Phase in der Bekämpfung der Schuldenkrise eingeläutet. Die Ankündigung der EZB hat ihre Wirkung auf die Märkte nicht verfehlt: Die Renditen von europäischen Problem-Staatsobligationen sanken, auch die Aktienmärkte legten weiter zu.
Einige Beobachter sehen die EZB-Ankündigung als Durchbruch in der Euro-Krise. Der bekannte Schweizer Investor und Börsen-Experte Marc Faber sieht das EZB-Programm aber eher als weitere "Stützungsaktion, denn die grundsätzlichen Probleme von Spanien, Italien, Griechenland und Portugal sind natürlich nicht gelöst", wie Faber in der Spezialausgabe des cash-Börsen-Talks sagt. Es besteht laut Faber weiter grosse Unsicherheit: "Niemand weiss, wie die Eurozone in fünf Jahren aussieht. Ich nehme an, dass es sie noch gibt", so Faber.
Mit Mario Draghis Bekenntnis zum Euro, welches die EZB-Beschlüsse vom Donnerstag teilweise schon vorweg nahm, hat der Italiener eine lang anhaltende Rally an den europäischen Aktienmärkten ausgelöst. Vor allem die Finanzwerte, die üblicherweise besonders sensibel auf Nachrichten rund um die Schuldenkrise reagieren, kannten danach nur eine Richtung: Nach oben. Seit Draghis Londoner Rede vom 26. Juli verbuchte der Branchenindex für die Banken der Euro-Zone gerade mal einen einzigen Wochenverlust.
Interventionen durch Zentralbanken in den USA oder durch die EZB haben in den letzten fünf Jahren immer wieder zu Rallys an den Börsen geführt, die zum Teil mehrere Monate Bestand hatten. Deshalb rät Faber auch jetzt zu Vorsicht, bei den Aktien "à la baisse" zu spekulieren.
"Die Aktien steigen, weil es der Wirtschaft schlecht geht"
"Wenn man Geld druckt, können Aktien und andere Anlagewerte sehr stark steigen. Und es ist nun denkbar, dass Aktien wesentlich stärker steigen als andere Anlageklassen. Dies rein aus Liquiditätsgründen und nicht wegen wirtschaftlichen Stimuli", sagt der Herausgeber des Gloom, Boom & Doom Reports im cash-Börsen-Talk. Aber er weist auf die "paradoxe Situation" hin: "Die Aktien steigen, weil es der Wirtschaft schlecht geht".
Faber, bekannt auch als "Crash-Prophet" oder "Dr. Doom", überraschte Anleger vor ein paar Wochen mit dem Hinweis, man solle europäische Aktien kaufen. Im Börsen-Talk präzisiert er: "Ich verstehe ja nichts von europäischen Aktien, mein Geld ist vor allem in Asien investiert. Aber ich erkenne, wenn etwas teuer und wenn etwas billig ist. Europa ist jetzt relativ billig, und die US-Aktien sind teuer."
In der Tat sind US-Börsen in den letzten Jahren deutlicher gestiegen als diejenigen auf dem Alten Kontinent. Ende letzter Woche stieg der S&P-500-Index auf den höchsten Stand seit Mai 2008. Einige Schweizer Blue Chips, vor allem Versicherer, seien "nicht sehr teuer", so Faber weiter. Dies vor allem im Vergleich zu den Nullzinsen auf Depositen oder Obligationen.
Der liquiditätsgetriebene Anstieg der Aktienmärkte hat laut Faber indes seine langfristigen Schattenseiten. Die Geldschwemme der Zentralbanken helfe "insbesondere den Banken, den Unternehmen und den Aktionären dieser Unternehmen", sagt Faber. "Auch ich bin im Finanzsystem tätig und auch ich bin auch ein Profiteur dieser Sachlage. Aber als objektiver Bürger muss ich sagen: Es ist eine Sauerei, was die Zentralbanken machen."
Tiefzinspolitik bestraft die Sparer
Denn der Mehrheit der Bevölkerung, das heisst dem Mittelstand und den ärmeren Schichten, würden die Interventionen der Zentralbanken langfristig nicht helfen. "Durch das zusätzliche Gelddrucken der Zentralbanken sind die Rohstoff- und Energiepreise gestiegen, was die ärmeren Bevölkerungsschichten mehr trifft als Wohlhabende." Denn ärmere Leute und der Mittelstand geben für Lebenshaltungskosten prozentual mehr Geld aus als wohlhabende Leute.
Auch die Tiefzinspolitik der Notenbanken bestrafe die Sparer: "Die Lebenshaltungskosten steigen mehr an im Vergleich zu den Zinsen auf Einlagen. Ich nenne dies eine Enteignung des Geldes durch die Politik der Notenbanken", ereifert sich Faber im cash-Börsen-Talk.
Daher schwört Faber seit je her auf Gold. Auch das Edelmetall hat in den letzten zwei Wochen, getrieben durch neue Interventionen der Zentralbanken, zugelegt und ist auf den höchsten Stand seit Ende Februar gestiegen.
Faber ist wegen des rasanten Goldpreisanstiegs noch etwas skeptisch: "Ich würde gerne ein wenig mehr Klarheit sehen beim Gold. Bevor ich super-positiv werde, müsste sich das Edelmetall nach einer Korrektur länger bei einem Niveau von 1650 Dollar pro Feinunze halten."
Im cash-Börsen-Talk Spezial äussert sich Faber auch zum Franken-Euro-Kurs, zur SNB-Politik, zur Wirtschaftsentwicklung in China und zur Nestlé-Aktie.


