cash: Casino, Börse, Lotto, Wetten – überall lockt das schnelle Geld Spieler und Zocker. Christian Fichter, wie lässt sich dieses Verhalten aus Sicht eines Psychologen erklären?

Christian Fichter: Es gibt verschiedene Erklärungen dafür. Der Mensch hat sich in einer Zeit entwickelt, in der er als Jäger und Sammler unterwegs war. Damals musste er fähig sein, schnell zu entscheiden. Wenn zum Beispiel ein Wildschwein vorbeilief, musste er es schnell erlegen. Ansonsten hätte es ein anderer getan. Der Mensch musste also rasch handeln, um zum Zug zu kommen. Das ist der Grund, wieso wir auch heute noch nach schnellen Erfolgen streben.

Schnelles Handeln bedeutet aber nicht zwangsläufig Erfolg.

Das ist richtig. Es bestand die Gefahr, dass man am Wildschwein vorbeischiesst. Damals blieb das aber meist ohne grössere Konsequenzen. Dann hat man halt kein Schwein gehabt. Heute ist dies anders: Wenn ich heute das Ziel nicht treffe, ist möglicherweise das ganze Kapital weg.

Heute verfügt der Mensch doch über völlig andere Voraussetzungen?

Zum Teil, ja. Nicht geändert haben sich aber die Mechanismen, die der Mensch zur Verfügung hat, um schnell auf Herausforderungen seiner Umwelt zu reagieren. Das sind dieselben wie vor 20'000 Jahren. Die Verhaltensprogramme waren damals sehr gut, um die Aufgaben zu lösen. Heute haben wir andere Vorbedingungen. Die Aufgaben, die sich uns stellen, sind viel komplexer. Aber wir haben nicht den Denkapparat, um mit der gleichen Präzision wie vor Tausenden von Jahren die Probleme zu lösen, die uns heute beschäftigen.

Wieso ist es dem Menschen nicht gelungen, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten?

Weil die Evolution nicht so schnell funktioniert. Es ist bemerkenswert: Wir haben unsere Umwelt schneller verändert, als wir uns anpassen können. Zwar gibt es neben der biologischen auch die kulturelle Evolution. Hier geht die Anpassung schneller. Wir sind es uns alle gewohnt, mit verschiedenen Geräten simultan umzugehen. Aber wir können es noch immer nicht gut, egal, wie sehr wir es versuchen. Wir sind es uns auch gewohnt, komplexe Situationen zu analysieren, aber wir machen es nicht gut. Die Entwicklung unseres Denkapparats kann mit der kulturellen Entwicklung nicht ganz Schritt halten.

Daraus folgere ich: Der Mensch ist zum schnellen Handeln an der Börse gar nicht befähigt?

Jedenfalls nicht gut genug. Wir haben Systeme entwickelt, die uns befähigen, schnell zu handeln. Faustregeln oder kognitive Abkürzungen machen es möglich, auch in verhältnismäs­sig schwierigen Situationen schnell relativ gute Lösungen zu finden. Kommen wir auf das Wildschwein-Beispiel zurück: Früher spielte es keine Rolle, ob es vom Speer am Hals, Bauch oder am Bein getroffen wurde. Bei Schwankungen an der Börse hingegen ist der genaue Zeitpunkt des Kaufs oder Verkaufs sehr wichtig. Der Mensch hat für diese Präzision aber wenig evolvierte Mechanismen.

Studien zeigen, dass nur ein kleiner Teil der Trader an der Börse ­wirklich Erfolg hat. Überschätzen sich die meisten?

Ja. In der Psychologie spricht man von «Overconfidence» und «Positive Illusion», also einerseits die eigene Überschätzung und die bessere Einschätzung der eigenen Lage als jener der anderen. Dazu kommt: Es ist bis heute keineswegs erwiesen, dass man über die Zeitspanne eines Menschenlebens an der Börse Geld verdienen kann. Unter Ökonomen ist dies sehr umstritten. Für mich ist die Börse ein Spiel – ein Spiel mit Gewinnern und Verlierern. Denn eine Börse kann nicht den zum Teil irrationalen Gewinnerwartungen von privaten und institutionellen Anlegern entsprechen.

Sie sprechen von irrationalen ­Gewinnerwartungen. Wie kommen Anleger dazu?

Wenn Anleger erfolgreich sind, ist die Gefahr gross, gierig und irrational zu werden. Dazu kommen weitere Phänomene wie Herdentrieb, sozialer Druck, Wunschdenken, Ausblenden negativer Fakten und so weiter. Und interessanterweise findet man diese verzerrenden Einflüsse auch bei Menschen, die das System dahinter eigentlich kennen sollten.

Und wieso begehen Anleger immer wieder die gleichen Fehler, obschon die Erkenntnisse vorhanden wären?

Der Mensch ist sehr wohl lernfähig. Aber was er lernen soll, muss in seine Denkkategorien hineinpassen. Das heisst: Es muss kompatibel sein mit den mentalen Strukturen, die vorhanden sind. Hat der Mensch nicht bereits solch vorgefertigte Schubladen, wird das Lernen bedeutend umständlicher. Und je unsicherer das Gelernte ist, desto schwieriger ist dessen Anwendung.

Und welches ist der grösste ­Fehler, den Anleger aus wirtschafts­psychologischer Sicht begehen?

Es gibt vor allem einen grossen Fehler: Man ist sich seiner eigenen Fehler nicht bewusst. Seit rund 30 Jahren machen wir Forschung zu wirtschaftspsychologischen Themen. Wir konnten Dutzende von Fehlern dokumentieren und begründen. Trotzdem macht der Mensch in konkreten Anlageentscheidungssituationen immer wieder die gleichen Fehler, weil es schnell gehen muss und der Mensch die Fähigkeit und Zeit nicht hat, um rational diese Fehler zu kontrollieren. Das gilt übrigens auch für uns Forscher.

Und wie kann sich der Anleger trotzdem seiner Fehler bewusst werden?

Zunächst muss man die Motivation aufbringen, Fehler zu vermeiden. Ansonsten strengt man sich nicht richtig an. Zweitens muss man genügend Zeit haben, um Entscheidungen sorgfältig vorbereiten zu können. Nur so bleibt Zeit, um sich daran zu erinnern, dass man fehleranfällig ist. Und schliesslich muss man natürlich über die Fähigkeit verfügen, sich der eigenen Fehler bewusst zu werden. Diese Fähigkeit ist nicht jedem gleich gut gegeben.

Börsen-Altmeister André Kostolany sagte einst: «Börse ist Geld und ­Psychologie.» Wieso wird der Faktor Psychologie an den Finanzmärkten weiterhin vernachlässigt?

Noch immer glauben viele Leute, Wirtschaft könne man rational verstehen. In den Lehrbüchern macht die «Behavioral Finance» weiterhin einen kleinen Teil aus, und viele Ökonomen sind noch immer der Auffassung, der Mensch sei ein rationaler Nutzenmaximierer. Das ist er ein Stück weit, aber den Nutzen maximiert er eben nicht nur aufgrund seiner Ratio. Allzu oft bleiben in der Ökonomie vermeintlich nicht messbare Dinge wie Wahrnehmungen, Einstellungen, Gefühle oder Images unberücksichtigt. Dabei zeigen unsere Studien, dass auch solche weichen Faktoren existieren, dass sie messbar sind und dass sie einen grossen Einfluss haben. Irrationale Effekte muss man deshalb unbedingt in Gewinnschätzungen und ökonomische Modelle einbauen.

Und trotzdem ist «Behavioral ­Finance» bei den Anlegern meist kaum ein Thema.

Das ist richtig. Man spricht zwar davon, dass «an der Börse die Emotionen hochgehen» oder «Es herrscht grosse Euphorie an den Märkten». Aber wenn es darum geht, diese Eindrücke zu verstehen, gibt es stets Rationalisierungsversuche. Das ist normal, denn der Mensch möchte ja verstehen, wie eine Situation zustande kommt und wie er sein Verhalten daran anpassen soll. So funktionieren wir einfach. Aber gutheis­sen kann man das trotzdem nicht, nicht nur beim Anlegen. Wer bei ökonomischen Entscheidungen heute noch die Psychologie ignoriert, wird auf Dauer den Kürzeren ziehen.

 

Dr. Christian Fichter (41) ist Forschungsleiter der Kalaidos-Fachhochschule in Zürich. Er befasst sich mit psychologischen und evolutio­nären Grundlagen des wirtschaftlichen und sozialen Verhaltens. Zu seinen inhaltlichen Schwerpunkten gehört der Bereich Be­havorial Economics.

Das Interview ist Teil des Magazins cash VALUE zum Thema Trading. Das Magazin kann kostenlos heruntergeladen werden.