cash: Herr Baehny, Sie haben bei der Kommentierung des dritten Quartalsresultats erneut einen gedämpften Ausblick gemacht und von eher steigenden Unsicherheiten in den Hauptmärkten gesprochen. Der Aktienkurs ist seither unbeirrt gestiegen und notiert nur wenig unter dem Allzeithoch. Wie erklären Sie das?

Albert Baehny: Dafür sehe ich drei Gründe: Erstens ist Geberit sehr gut durch die Krise gekommen. Wir konnten die Margen auf hohem Niveau halten, wir haben auch während der Krise investiert und zudem mehr Mitarbeiter als vor Ausbruch der Krise. Der Markt sieht also: Geberit investiert in die Zukunft. Zweitens waren unsere Neun-Monats-Resultate unter dem Strich sehr gut. Und drittens sehen die Investoren auch, dass sich die Baukonjunktur in den Kernmärkten von Geberit verbessert oder sich zumindest nicht verschlechtert.

Der Umsatz ging in Franken um 0,3 Prozent zurück, während der Gewinn wegen steuerlichen Gründen überproportional stieg. Wie lange hält dieser Wachstumseffekt beim Gewinn noch an?

Der Hauptgrund für diese Gewinnentwicklung nach dem dritten Quartal liegt an einer Steuerquote von 14,2 Prozent. Vor einem Jahr lag sie bei 24,2 Prozent. Diese Reduktion resultiert aus abgeschlossenen Steuerprüfungen und internen Reorganisationen. Wir rechnen deshalb in den kommenden fünf Jahren mit einer durchschnittlichen Steuerquote von 15 Prozent.

Das ist deutlich tiefer als bisher?

Ja, bislang lag unsere Steuerquote bei durchschnittlichen 22 bis 23 Prozent.

Auf der anderen Seite haben Sie die Euroschwäche. Er hat innerhalb der vergangenen zwölf Monate rund 12 Prozent an Wert verloren. Tut Ihnen das weh?

Das spüren wir, ganz klar. In den ersten neun Monaten 2010 büssten wir 95 Millionen Franken Umsatz ein. Und die Margen litten ebenfalls leicht.

Überlegen Sie sich, die Produktion noch stärker in die Euro-Zone zu verlegen?

Nein, das können und wollen wir nicht. Die Herstellung der einzelnen Produkte ist eng an das jeweilige Werk geknüpft. Das wird so bleiben.

Die Schuldenkrise in der Euro-Zone wirkt sich auch auf die Bautätigkeit aus. Beispiel Spanien, iberische Halbinsel, wo der Umsatz wegbricht. Hat sich die Entwicklung verschlechtert?

Spanien ist ein Sonderfall aufgrund des Platzens einer massiven Immobilienblase. Dort stehen zurzeit 1,3 Millionen Wohnungen leer. In anderen überschuldeten Ländern wie Irland, Griechenland, Portugal und in einigen Ländern in Zentraleuropa spüren wir aufgrund der Verunsicherung einen Rückgang der Bautätigkeit.

Die Schuldenkrise erreicht einen Geberit-Markt nach dem anderen. Macht Ihnen das Angst?

Nein, weil in unseren wichtigsten Märkten die Lage positiv und die Baukonjunktur robust ist: In der Schweiz, in Österreich oder auch in Deutschland, wo im Bereich Renovations- und Wohnungsbau im Jahresverlauf eine leichte Verbesserung zu sehen war. Wir gehen davon aus, dass diese Entwicklung zumindest noch die nächsten sechs Monate anhält. In Skandinavien wächst die Baukonjunktur. In den Benelux-Staaten fallen die Niederlande zwar ab, aber in Belgien und Luxemburg ist die Entwicklung stabil.

Deutschland ist weiterhin der wichtigste Geberit-Markt und zeigt nach wie vor gutes Wachstum. Es gibt aber Anzeichen, dass sich Gewerbe- und Geschäftsbautätigkeiten weiter abschwächen.

Das würde ich so nicht sagen. Es ist aber so, dass wir in diesem Bereich keine Verbesserung sehen. Dagegen entwickeln sich die übrigen Baumärkte weitgehend positiv: Der Wohnungsneubau an den guten Lagen und die Renovationstätigkeit, von der wir erwarten, dass sich die erfreuliche Entwicklung 2011 fortsetzen wird.

Sie sind für Deutschland eher optimistisch. Hat sich denn an ihrer Gesamteinschätzung für die kommenden Quartale etwas geändert?

Die Aussichten sind wegen der guten Entwicklung in der Schweiz, in Deutschland und Österreich, in Skandinavien und Russland sowie in Asien besser als noch vor sechs Monaten. In diesen Märkten erwarten wir auch 2011 eine solide Baukonjunktur.

Die Schweizerische Nationalbank warnt vor einer Immobilienblase in der Schweiz.

Aus meiner Sicht ist das unwahrscheinlich. Erstens ist die Leerstandsquote mit durchschnittlich 2 Prozent sehr gesund, zweitens wächst die Bevölkerung, drittens ist der Renovationsbedarf recht hoch und das Geld dafür ist vorhanden.

Der Bereich Sanitärsysteme wächst deutlich mehr als der Bereich Rohrleitungssysteme. Was tun Sie dagegen?

Dagegen können wir nichts unternehmen. Die Entwicklung zeigt nur, dass das Neubau-Geschäft - wo verstärkt Rohrleitungssysteme zum Einsatz kommen - eher schleppend läuft.

Auch in Asien?

Nein, dort - China und Südostasien sowie in Singapur - entwickelt es sich sehr gut. Und in Indien ist die Baukonjunktur sehr stark. Dort fehlen allein in den Grossstädten rund 25 Millionen Wohneinheiten.

Im indischen Fernsehen wird mit Toiletten-Seife-Produkten der grösste Werbe-Umsatz aller Produkte-Gruppen gemacht. Der Markt scheint definitiv reif für Geberit-Produkte. Wie gross ist das Geberit-Wachstum in Indien?

Der Umsatz hat sich in den ersten neun Monaten verdoppelt, allerdings auf tiefem Niveau.

Sie expandieren und investieren stark in neue Märkte. Wirkt sich dies negativ auf die Marge aus?

Natürlich sind in neuen Märkten die operativen Margen zu Beginn immer tiefer, da viele Vorinvestitionen getätigt werden. Das kompensieren wir durch schnelleres Wachstum in den Kernmärkten, die Einführung neuer Produkte und die Steuerung unserer Preispolitik.

Wenn sie zwischen hoher Marge und zukünftigem Wachstum entscheiden müssen, was wählen Sie?

Wir wählen immer das Wachstum. Natürlich wollen wir weiterhin hohe operative Margen. Aber die Zukunft der Firma sichert das Wachstum.

Ihre Marge ist auch den Rohstoffmärkten ausgesetzt. Der Kupferpreis ist explodiert. Wie wirkt sich das aus?

Die Preisentwicklung von 3500 Dollar pro Tonne vor 16 Monaten auf bis zu 9000 Dollar pro Tonne zurzeit trifft uns. Damit die Margen nicht zu stark leiden, müssen wir die Rohstoffpreise auf dem Markt weitergeben.

Das heisst, die Geberit-Produkte werden 2011 teurer?

Mit den Grosshändlern wurden die Preise bereits festgesetzt. Aber wir schliessen bei einer entsprechenden Entwicklung der Rohstoffmärkte weitere Preiserhöhungen nicht aus.

Geberit ist das nachhaltigste Unternehmen der Schweiz und investiert viel in diesem Bereich. Wird das von Investoren honoriert oder spüren Sie von anderer Seite Druck, das Geld dafür zu sparen?

Von dieser anderen Seite habe ich noch nie etwas gehört. Investoren schätzen unser Engagement sehr und sie profitieren auch davon. Das sieht man an der Aktienentwicklung. Es gibt keinen negativen Einfluss auf die operative Marge durch Investitionen in Nachhaltigkeit. Im Gegenteil: Einsparungen im Energie- und Rohstoffverbrauch sind Geld - bar auf die Hand. Ausserdem fördert der Nachhaltigkeitsgedanke die unternehmerische Kreativität. Dadurch haben wir zum Beispiel in unserem Werk in Givisiez den Wasserverbrauch innerhalb von zwei Jahren um 60 Prozent gesenkt.

Sie verfügen über eine starke Bilanz und viel Cash. Aber Akquisitionen geniessen keine Priorität?

Zuvorderst stehen Investitionen in organisches Wachstum, dann eine gesunde Dividendenpolitik und erst dritte Priorität haben kleine Zukäufe in Verbindung mit einem Aktienrückkaufprogramm.

In welchem Bereich schauen Sie Übernahmekandidaten an?

Wir wollen beispielsweise technisches Know-how dazukaufen und sehen uns zum Beispiel Firmen im Elektronik-Bereich an. Dies im Hinblick auf die Entwicklungen im öffentlichen Bereich, wo die 'berührungsfreie' Toilette immer stärker aufkommen wird.

Letztes Jahr zahlte Geberit 6,40 Franken Dividende. Wir die Aussschüttungsquote so hoch bleiben?

In den 6,40 Franken war eine Sonderdividende von 1 Franken enthalten aufgrund des 10-jährigen Jubiläums, das Geberit an der Börse feierte. Dieses Jahr feiern wir leider kein Jubiläum. Trotzdem wird die Ausschüttung erfreulich ausfallen.

Im Video äussert sich Albert Baehny zu den ehrgeizigen Zielen mit dem Dusch-WC Aquaclean, dessen Expansion in Europa kräftig vorangetrieben wird.

Der 48-jährige Albert Baehny ist seit 2005 CEO des Sanitärtechnikkonzerns Geberit, der in den ersten neun Monaten 2010 einen Umsatz von 1,674 Milliarden Franken sowie einen Reingewinn von 348 Millionen Franken erzielt hat.