Stephen Jen etwa, geschäftsführender Teilhaber bei SLJ Macro Partners in London, geht davon aus, dass Griechenland die Zahlungsunfähigkeit auf seine Staatsanleihen erklären und die Währungsunion verlassen muss, um seine Schuldenkrise bewältigen zu können. “Die Abschreibung von Schulden wird das Problem mit den Altlasten lösen und ein Austritt aus der Währungsunion wird die Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen”, sagte er. Dies werde nicht morgen passieren. Aber es sei ein Szenario, welches Investoren nicht von vornherein ausschließen sollten, so Jen.

Auch Hans-Werner Sinn, Leiter des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München, hatte im Mai geäußert, Griechenland würde sich schneller erholen, wenn es den Euro als Währung aufgebe und zur Drachme zurückkehre. Analysten von Nomura haben ausgerechnet, dass Griechenland in den Jahren 1989 bis 1995, also vor dem Euro-Beitritt, dank eigener Währung und Geldpolitik den Anteil des Haushaltsdefizits am Bruttoinlandsprodukt um 12 Prozentpunkte senken konnte.

Krugman: Griechenland sollte Währungsunion verlassen

Auch der Harvard Professor Martin Feldstein und der Nobelpreisträger Paul Krugman teilen die Ansicht von Jen, dass Griechenland die Währungsunion verlassen sollte - sei es für eine gewisse Zeit oder für immer. Krugman sieht die Wahrscheinlichkeit für einen “Euro-Exit” der Griechen bei 50 Prozent. Das ist die gleiche Wahrscheinlichkeit, die Moody’s Investors Service für einen Zahlungsausfall ansetzt.

“Der Euro kann in seiner gegenwärtigen Art und Weise nicht fortbestehen”, sagte Stuart Thomson, Portfolio-Manager bei Ignis Asset Management in Glasgow. “Entweder die Länder einigen sich auf eine Finanz-Union oder einige Länder werden die Währungsunion verlassen müssen.” Nach seiner Ansicht wird das Ende vom Lied ein Zahlungsausfall Griechenlands sein. Wenn dieser Fall, vielleicht erst in einigen Jahren, eintrete, dann könne das Land nicht in der Währungsunion bleiben, ergänzte er.

Griechenland habe nicht vor, den Euro als Landeswährung abzuschaffen, erklärte dagegen Regierungssprecher Giorgos Petalotis am 25. Mai auf einer Pressekonferenz. Die Währungsunion sei vor 12 Jahren als “politisches Projekt” geschaffen worden und nicht nur zwecks wirtschaftlicher Koordinierung, sagte Oliver Holtemöller, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung beim IWH Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. Daher sei eine Abkehr Griechenlands vom Euro keine Option, fügte er an.

“Schwarz-Weiß-Sehen” ist gefährlich

Maria Damanaki, die für Fischerei zuständige griechische EU-Kommissarin, hatte am 25. Mai geäußert, Griechenland müsse sich entscheiden, ob es beim Euro bleiben oder zur Drachme zurückkehren wolle. “Entweder einigen wir uns mit unseren Gläubigern auf ein Programm mit großen Opfern, das Ergebnisse bringt und wir übernehmen die Verantwortung für unsere Vergangenheit, oder wir kehren zur Drachme zurück”, teilte sie per Email aus Athen mit. Die größten Errungenschaften Griechenlands in der Nachkriegszeit, der Euro und der europäische Kurs des Landes, seien in Gefahr, hieß es weiter.

Ciaran O’Hagan, Leiter Zinsstrategie Europa bei der Société Générale in Paris, hält ein “Schwarz-Weiß-Sehen” in Bezug auf ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone für “gefährlich”. Die politische Führung müsse eine Herangehensweise mit Zwischenschritten finden, um mit dem Problem umzugehen, sagte er. Dazu könnten auch Kapitalverkehrskontrollen oder die Einführung von dualen Währungen gehören. Vieles hänge von der Umsetzung derartiger Maßnahmen ab, sagte O’Hagan weiter. Als erfolgreiche Beispiele verwies er auf Irland, als es das britische Pound Sterling als Währung aufgab, sowie den Weg, den Tschechien und die Slowakei beschritten haben. “Zentralbanker können sehr innovativ und phantasievoll sein und überraschende Dinge tun”, sagte O’Hagan.

Rekordhohe Finanzierungskosten lassen es unwahrscheinlich erscheinen, dass Griechenland an den internationalen Kapitalmarkt zurückkehren kann. Moody’s Investors Service hatte das Rating Griechenlands von “B1” auf “Caa1” gesenkt. Die EU sah sich in der vergangenen Woche veranlasst, ein zweites Hilfspaket für das Land zu schnüren. Im Gegenzug verpflichtete sich Ministerpräsident Giorgos Papandreou, weitere Sparmaßnahmen im Volumen von 78 Mrd. Euro durchzuführen. Die Renditen der zweijährigen griechischen Staatspapiere fielen daraufhin erstmals seit sechs Wochen unter 23 Prozent.

(Bloomberg)