Kolumne
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Heiraten - ganz ohne ökonomische Absichten
Der Volksmund irrt, wenn er behauptet, dass sich Gegensätze anziehen. Zumindest in Bezug auf das Bildungsniveau der Ehepartner gilt vielmehr: „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Eine Akademikerin heiratet in der Regel einen Akademiker und ein Partner ohne Schulabschluss mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Partnerin mit dem gleichen Bildungsniveau.
Diese Bildungshomogamie ist ökonomisch insofern relevant, als sie die soziale Ungleichheit unserer Gesellschaft erhöht. Besser gebildete Frauen und Männer erzielen nämlich in der Regel höhere Einkommen und verfügen über grössere Vermögen als schlechter gebildete. Durch die Heirat eines Partners mit gleichem Bildungsstand werden also die Einkommens- und Vermögensunterscheide zwischen Haushalten verstärkt. Es ist deshalb wichtig und interessant zu wissen, welche Gründe dazu führen, dass am Heiratsmarkt sowohl Männer als auch Frauen jeweils einen Partner mit dem gleichem Bildungsniveau bevorzugen.
Eine mögliche Ursache für die Bildungshomogamie könnte darin liegen, dass sich ein Grossteil der künftigen Ehepartner während der Ausbildung oder am Arbeitsplatz kennenlernt. Die Wahrscheinlichkeit einen Partner mit gleichem Bildungsniveau zu heiraten, wäre demzufolge vor allem deshalb so hoch, weil man in der Ausbildung und am Arbeitsplatz viel Zeit mit potenziellen Partnern verbringt, die über das gleiche Bildungsniveau verfügen.
Falls sowohl Männer als auch Frauen bei der Wahl des Ehepartners (bewusst oder unbewusst) vor allem materielle Interessen verfolgen, könnte die Bildungshomogamie auch dadurch begründet sein, dass Bildungsniveau und materieller Wohlstand einer Person sehr stark korrelieren.
Anhand einer Untersuchung des Heiratsverhaltens von Filmstars hat Gustaf Bruze von der Universität Aarhus in Dänemark nun beide Thesen widerlegt. Filmstars eignen sich als Untersuchungsgruppe besonders gut, weil sie ganz unterschiedliche Bildungsniveaus aufweisen und deshalb in ihrem Arbeitsleben nicht nur Gleichgebildeten begegnen. Zudem ist der Schauspielberuf einer der wenigen Berufe, bei denen das Einkommen nicht mit dem Bildungsniveau korreliert. Ob ein Filmstar 10, 15 oder 20 Bildungsjahre nachweisen kann, ist bei der Festlegung seiner Gage irrelevant.
Trotzdem heiraten auch Filmstars vorwiegend Partner mit dem gleichen Bildungsniveau. Da dieses Ergebnis unabhängig von Alter, Rasse oder Schönheit der untersuchten Filmstars ist, liegt die Erklärung nahe, dass bei der Wahl des Ehepartners vor allem andere nichtmaterielle Persönlichkeitsmerkmale eine grosse Rolle spielen, die mit dem Bildungsniveau korrelieren.
