Für Japans Männer geht der Verlust des Arbeitsplatzes weit hinaus über materielle Einbußen. Die Schmach, auf das Einkommen ihrer Frauen und Töchter angewiesen zu sein, nagt am Selbstbewusstsein.

“Es ist, als ob ich meine Würde verloren hätte”, sagt etwa Seiya Ogawa. Der 49-jährige ist seit einem Jahr ohne Beschäftigung und fährt drei Mal in der Woche mit dem Rad zum Arbeitsamt in Kadoma, einem industriell geprägten Vorort von Osaka, Japans drittgrößter Metropole. Er sei mittlerweile bereit, jede Arbeit anzunehmen, sagt Ogawa, der zuletzt elektronische Schaltplatten montiert hatte. Mit dem Geld will er dazu beitragen, das letzte Schuljahr seines Sohnes zu finanzieren.

Vater und Sohn hängen mittlerweile vom Einkommen der Frau und Tochter ab. Denn Japans Wirtschaft ist im Wandel. Das Leitbild der Wirtschaft, bislang umschrieben mit dem japanischen Begriff ‘monozukuri’, der für ‘Dinge herstellen’ steht und der den Stolz der Nation repräsentiert, ändert sich in eine Dienstleistungsökonomie. In den Sparten herstellendes Gewerbe und Bau, wo sieben von zehn Beschäftigten männlich sind, werden im laufenden Jahrzehnt vier Millionen Arbeitsplätze gestrichen, erwartet das Works Institute in Tokio, dessen Arbeit vom Personaldienstleister Recruit finanziert wird.

Kein Bereich der Wirtschaft wächst in Japan so schnell wie Dienstleistungen. Im Gesundheitswesen gibt es die größten Zuwachsraten bei der Beschäftigung mit einem Plus von 16 Prozent in den vergangenen drei Jahren, zeigen Daten des Arbeitsministeriums. Dort sind 74 Prozent aller Mitarbeiter weiblich. Vor allem der Markt an Hilfen für die alternde Bevölkerung dürfte weiter zulegen. In Japan leben 29 Millionen Menschen, die 64 Jahre oder älter sind.

42 Prozent aller Beschäftigten in Japan weiblich

Dienstleistungen wie Pflege und Gesundheitswesen “sind die Zukunft Japans”, sagt etwa Curtis Freeze. Der Gründer des Vermögensverwalters Prospect Asset Management auf Honolulu im US-Bundesstaat Hawaii hat die Aktien von Message als Anlage im Blick. Message ist Japans zweitgrößter Betreiber von Altenheimen, gemessen an den verfügbaren Zimmern. Die Aktie von Message hat im abgelaufenen Jahr 4,8 Prozent zugelegt. Titel des größeren Konkurrenten Nichii Gakkan Co. haben im gleichen Zeitraum über 31 Prozent zugelegt.

2010 waren 42 Prozent aller Beschäftigten in Japan weiblich. Das ist der höchste Wert seit 1973, wie vergleichbare Daten des japanischen Arbeitsministeriums belegen. Damals lag der Anteil der Frauen bei 38,5 Prozent.

Noch ist das verarbeitende Gewerbe in Japan die beschäftigungsintensivste Branche. Dort finden 16 Prozent aller 62,5 Millionen Beschäftigten Arbeit. Das Verhältnis von Männern zu Frauen liegt in dem Sektor bei 2:1. Im Baugewerbe liegt das Verhältnis bei 6:1. Seit Oktober 2008 ist die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe um neun Prozent rückläufig, im Baugewerbe liegt das Minus bei elf Prozent. Prognosen vom Works Institute zufolge wird die Zahl der Beschäftigten im Gesundheitswesen zwischen 2010 und 2020 um 32 Prozent zulegen.

Eine Konsequenz dieses Wandels besteht in der Verringerung der Unterschiede bei der Vergütung von Männern und Frauen. In der Gruppe der OECD-Staaten ist die Diskrepanz lediglich in Südkorea ausgeprägter. Sie liegt beim Doppelten des OECD-Durchschnitts. Frauen im Alter zwischen 30 und 34 Jahren verdienten in Japan 2010 durchschnittlich 2,99 Mill. Yen (30'023 Euro). Das entspricht 69 Prozent des durchschnittlichen Verdiensts der Männer von 4,32 Mill. Yen (43'379 Euro). Noch 1978 verdienten Frauen im Durchschnitt 55 Prozent des Durchschnittsgehalts der Männer. Die Daten sind von Japans Steuerbehörde.

Frauen geben bevorzugt Geld für Dienstleistungen aus

Mit der gestiegenen Kaufkraft der Frauen ändert sich auch die Zusammensetzung der Konsumausgaben in Japan. Denn Frauen geben bevorzugt Geld für Dienstleistungen aus, wie Reisen und Restaurantbesuche. Männer bevorzugen hingegen langlebige Konsumgüter wie Autos und Elektronik. Darauf weist Kyohei Morita hin, leitender Volkswirt bei Barclays Capital in Tokio. Die Aktien von HIS, Japans größtem börsennotierten Touristikkonzern haben im abgelaufenen Jahr 8,7 Prozent zugelegt. Dagegen sind die Aktien von Panasonic im gleichen Zeitraum über 43 Prozent eingebrochen, Titel von Sony haben mehr als 52 Prozent an Wert verloren.

Allerdings wird der steigende Anteil an erwerbstätigten Frauen nicht dazu führen, dass die Verbraucherausgaben in Japan insgesamt steigen, sagt Morita. “Die Realität zeigt, dass die Frauen weniger Geld bekommen”. So lag der durchschnittliche Monatsverdienst in der Sozial- und Pflegearbeit 2010 bei 229.732 Yen, verglichen mit 362.340 Yen für Fabrikarbeiter und 373.288 Yen im Baugewerbe.

Zudem ist Japans Jugend vorsichtig und sparsam. Der arbeitslose Ogawa stellt fest, dass seine beiden Kinder eher sparen als zu Ausgaben neigen. “Es ist schwer, ihnen zu sagen, sie sollen sich etwas Großes vornehmen, wenn ich kämpfe, einen Job zu finden. Ich wage es nicht, von den guten Zeiten zu erzählen, als ich in ihrem Alter war. Sie würden es einfach nicht verstehen”.

(Bloomberg)