Prof. Helmut Dietl

Kolumne

Helmut Dietl, Professor Universität Zürich

Jeder muss sich im Beruf Grenzen setzen

Am 31. Mai 2012 fand in Amsterdam die Hauptversammlung der European Aeronautic and Space Company (EADS) statt. EADS ist Europas grösstes Luft- und Raumfahrtunternehmen und hinter der britischen BAE Systems der zweitgrösste Rüstungskonzern in Europa. Zu den Geschäftsbereichen von EADS gehören u.a. Airbus, Airbus Military, Astrium, Cassidian und Eurocopter. Im Geschäftsjahr 2011 beschäftigte EADS weltweit über 130‘000 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von knapp 50 Milliarden Euro.

Haupteigentümer von EADS sind mit einem Aktienanteil von jeweils 22,35% Sogeade und Daimler. Sogeade ist ein französisches Holdingunternehmen, das jeweils zu 50% dem französischen Staat und der französischen Unternehmensgruppe Lagardère gehört.

Die Lagardère-Gruppe wurde von Jean-Luc Lagardère aufgebaut. Nach seinem Tod im Jahre 2003 übernahm sein Sohn Arnaud die Geschäftsführung. Dieser Arnaud Lagardère sollte auf der EADS-Hauptversammlung in den Verwaltungsrat gewählt werden, um anschliessend turnusgemäss den Daimler Finanzvorstand Bodo Uebber als Verwaltungsratsvorsitzenden abzulösen. Doch Arnaud Lagardère liess sich überraschenderweise entschuldigen und erschien nicht zur Hauptversammlung. Was war passiert?

Offiziell liess der 51-jährige Lagardère verkünden, er sei der Hauptversammlung ferngeblieben, um seinem Vorgänger nicht die Show zu stehlen. In den Medien wurde sein Fernbleiben hingegen mit seiner Beziehung zu dem 21 Jahre alten und 1.82 Meter grossen belgischen Topmodel Jade Foret in Verbindung gebracht. Jade Foret wurde bereits mit dreizehn Jahren durch einen Laufstegauftritt in Rom, der sogar das italienische Parlament beschäftigte, sowie durch ein 100 mal 20 Meter grosses Werbeplakat in Brüssel bekannt. Nachdem ihre Beziehung zu Lagardère letztes Jahr publik geworden war und viel Kritik in den Medien hervorgerufen hatte, stellten beide ein Video ins Internet, in dem sie sich demonstrativ zu ihrer Beziehung bekennen.

Dies ist sicher ein Extrembeispiel für das Problem der Work-Life-Balance. Aber gerade weil es ein Extrembeispiel ist, verdeutlicht es die Problematik besonders gut: Die Anforderungen des Arbeitslebens machen immer mehr Menschen unglücklich, weil sie zu wenig Zeit mit Familie und Freunden verbringen können. Zugleich nimmt der Konsum von Antidepressiva stark zu. Burn-out-Fälle werden neuerdings in Berufsgruppen diagnostiziert, die bislang von diesem Syndrom verschont waren. Wissenschaftliche Studien belegen, dass das Work-Life-Ungleichgewicht bei Eltern, bei Personen mittleren Alters, bei Personen mit hoher Berufsqualifikation und vor allem bei Männern besonders gross ist.

Während Regierungen und Unternehmen das Problem erkannt haben und durch Massnahmen wie Arbeitszeit- und Arbeitsortflexibilisierung eine bessere Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben anstreben, ist letztendlich jeder Einzelne selbst der Hauptverantwortliche für seine Work-Life-Balance. Dies bedeutet, dass sich jeder Grenzen setzen muss und nicht ständig nach mehr beruflichem Erfolg und Anerkennung streben kann, ohne seine Work-Life-Balance und damit sein Wohlbefinden und seine zukünftige Leistungsfähigkeit zu gefährden.

Wenn nämlich beruflicher Erfolg und Anerkennung nicht von der absoluten, sondern der relativen Leistung, d.h. der Leistung im Vergleich zu anderen, abhängen, gerät man schnell in eine Leistungsspirale, bei der jeder Einzelne immer mehr leistet, ohne hierdurch mehr Anerkennung zu erzielen. Diese Leistungsspirale ist vergleichbar mit einem Theater, in dem einige aufstehen, um besser zu sehen, am Ende aber alle stehen und niemand besser sieht.

Zurück zu Arnaud Lagardère: Mittlerweile hat er angekündigt, dass er Jade, die derzeit schwanger ist, heiraten möchte. Beide erwarten im September die Geburt ihrer gemeinsamen Tochter. Auf der EADS-Hauptversammlung wurde er übrigens trotz Abwesenheit mit über 88% der Stimmen in den Verwaltungsrat gewählt und anschliessend zum Vorsitzenden ernannt.