„Dies Mal ist alles anders“ – in ihrem Buch über Finanzkrisen schrieben Carmen Reinhard und Kenneth Rogoff, dass Markt-Crashes zwar immer unvorhersehbar schienen und dennoch immer denselben Mustern folgten. Bei den heftigen Bewegungen, die diese Woche die Märkte erschüttern, ist aber tatsächlich alles anders: Die Gefahr eines atomaren Super-GAUs hat es in der Epoche der globalisierten und vernetzten Finanzmärkte noch nie gegeben.

Die atomare Bedrohung, der Schock nach dem Erdbeben und dem Tsunami haben den Nikkei annähernd ein Viertel seiner Börsenkapitalisierung gekostet. Weltweit fielen die Indizes – Anleger flohen in Scharen aus allen möglichen Assets. „Angst herrscht – und der Markt preist sie ein“, sagt Mojmir Hlinka, Direktor von AGFIF. Der Zürcher Vermögensverwalter wendet in seiner Anlagestrategie die Theorie des „Behavioural Finance“ konsequent an, um die Psychofallen des Anlegens zu vermeiden.

Angst vor Totalverlust: Schlechter Ratgeber

Hlinka ist somit ein Spezialist, irrationales Verhalten von Investoren aufzuspüren. Dass der Nikkei einen Viertel an Wert verliert, ist – auch angesichts der laufenden dramatischen Entwicklungen – irrational. Vermögensverwalter und Kundenberater sind in diesen Tagen enorm gefordert. „Die Kunden müssen nun die Hand ihres Beraters spüren“, so Hlinka.

In der Angst vor Totalverlusten wollen alle verkaufen. Opportunistischere Investoren sehen bereits wieder die Chance für den Wiedereinstieg. Die Herausforderung in solchen Märkten nichts falsch zu machen, ist enorm. Hlinka rät: Nichts zu machen. „In dieser Phase kann sich alles, was man an den Finanzmärkten macht, im nächsten Moment als falsch erweisen,“ sagt er.

Im Portfolio Luft verschaffen

Seine Einschätzung teilt beispielsweise auch David Bianco, Aktienstratege bei Bank of America. „Oft liegen die besten Tage ganz nahe an den schlechtesten Tagen“, schreibt er in einem Bericht.  Wer Panik-Verkäufe vermeidet, Geduld und Nerven behält, wird in der Regel belohnt. Das richtige Timing zu treffen, Gewinne in einem Ausverkauf zu realisieren, um zu einem späteren Zeitpunkt wieder günstig einzusteigen, geht in der Regel schief.

Besser ist es, an seiner Strategie festzuhalten und in Aktien investiert zu bleiben, deren Gewinnausblick sich nicht verändert hat. In Anbetracht des bislang unbekannten Risikos einer atomaren Katastrophe ist völlige Untätigkeit allerdings auch nicht ganz richtig: Wer im Portfolio Hebel hat, sei es short oder long, sollte diese auflösen. „Man muss dem Portfolio Luft verschaffen, um diese Phase der Unsicherheit zu überstehen,“sagt Hlinka.

Die heftigen Kursausschläge in Solar- oder Windenergieaktien belegen die grosse Verwirrung: Die Aktie des Solarstrom-Produzenten Edisun Power legte am Dienstag bis zu 60 Prozent zu. Am Mittwochmorgen verlor sie 26 Prozent. Auch wenn die Welt vor einem kompletten Umbruch bei der Energieversorgung stehen mag: „Darum sollte man nun nicht blindlings Aktien aus dem Sektor Erneuerbare Energien kaufen“, sagt Hlinka.