cash: Tim Berners-Lee, was war ihre Absicht, als Sie vor 25 Jahren das World Wide Web erfunden haben?

Tim Berners-Lee: Ich war ja frustriert, weil ich so etwas wie das Web vermisste. Ich arbeitete am Cern in Genf und hatte mit einer grossen Anzahl verschiedener, untereinander inkompatibler Betriebssysteme zu tun. Denn ich musste mit Leuten in verschiedenen Ländern zusammenarbeiten, die alle unterschiedliche Computer benutzten. Schon seit längerem war ich in der Lage, Daten von einem Computer zu einem anderen zu übertragen. Aber es wurde immer offensichtlicher, dass ein übergeordnetes Betriebssystem von grossem Nutzen sein würde.

Hat sich das Web in der Folge so entwickelt, wie Sie das erwartet hatten?

Ja und Nein. Ich bin sehr erfreut über die Vielseitigkeit, die heute im Netz vorherrscht. Die Inspiration und die Kreativität ist überwältigend. Aber ich hatte das Web ursprünglich auch als kollaborativen Raum geplant, wo Menschen mittels Hypertext gemeinsam etwas kreieren können. Aber das ist nicht so eingetreten, wie ich mir das vorgestellt hatte. Das Web ist heute vielmehr ein Einweg-Medium: Eine Person veröffentlicht etwas und eine andere Person liest dies.

Welche Entwicklungen gefallen Ihnen nicht?

In erster Linie missfallen mir die Überwachung und die Zensur. Es ist sehr wichtig, dass das Web offen und neutral bleibt. Man muss das Web ohne Angst oder mögliche Strafe nutzen können. Es ist wichtig, dass beispielsweise die Polizei im Web durch Gesetze eingeschränkt wird und sich auch an diese Vorgaben hält.

Wie kann man denn die Offenheit des Web mit der Privatsphäre der Nutzer, beispielsweise in den sozialen Medien, vereinbaren?

Wer soziale Medien nutzt, ist sich in der Regel seines Kommunikationsverhaltens bewusst. Schliesslich müssen wir die Privatsphäre auch respektieren, wenn Dinge in einer geschlossenen Umgebung, wie in einer Firma oder in einer Familie, geteilt werden. Was in einer Familie ausgetauscht wird, soll in der Familie bleiben, wenn das so beabsichtigt ist.

Wo sehen Sie weitere grosse Herausforderungen für das Web?

In den letzten 25 Jahren hatte ich vor allem Angst davor, dass jemand das Web kontrollieren könnte. Sei es eine Firma oder eine Regierung, die das Web blockiert oder manipuliert und damit Geld verdient.  Wenn Leute online ausspioniert werden und im Gefängnis landen, erachte ich das als Gefahr für das Web. Jeglicher Versuch, das Web zu kontrollieren, ist eine ernsthafte Gefahr.

Sie befürworten die freie Verfügbarkeit von Daten im Netz. Warum sollte eine Firma ihre Daten ins Netz stellen?

Selbstverständlich gibt es Daten, die ein Unternehmen nicht ins Netz stellen will. Aber wenn eine Firma Daten über ein Produkt hat, dann wird es interessant. Als das Web noch jung war, fragten sich viele Unternehmen, wieso sie Informationen über ihre Produkte veröffentlichen sollten. Doch dann wagten erste Firmen den Gang ins Netz. Das setzte die Konkurrenz unter Druck. Denn die Konsumenten sahen in erster Linie jene Produkte, die im Netz vorhanden waren. Wenn eine Firma also Daten über ein Produkt hat, zum Beispiel Schrauben oder Maschinenteile, dann ist es ein Vorteil, diese ins Netz zu stellen. Denn so kreiert man eine Kaufoption.

Das Web hat unser Leben völlig verändert. Welchen Einfluss hatte es auf Ihr persönliches Leben?

Seit wir das World Wide Web Consortium gegründet haben, um die Standardisierung des Web voranzutreiben, findet mein Arbeitsleben im Netz statt. Das betrifft Meetings und alles, was wir diskutieren. So können wir immer auf eine Sicherheitskopie zurückgreifen, die abbildet, was wir beschlossen haben und uns einen Hinweis gibt, wer was entschieden hat.

Sie haben eine kostenlose Infrastruktur entwickelt, mit der andere Millionen oder gar Milliarden verdient haben. Haben Sie nicht etwas falsch gemacht?

Nein. Hätte ich mit meiner Erfindung am Anfang Geld verdienen wollen, wäre die ganze Sache nicht ins Rollen gekommen. Und wir würden jetzt nicht darüber sprechen.

Werden wir in 25 Jahren immer noch das Web benutzen oder erwarten Sie eine neue Innovation?

Ich glaube, wir werden das Netz immer noch so gebrauchen, wie wir es heute kennen. Weil viele aktuelle Dokumente dann immer noch im Netz sein werden. Und wir müssen Sorge zu ihnen tragen, denn ein grosser Teil unserer Kultur ist mittlerweile im Web vorhanden. Es ist sehr wichtig, dass wir das heutige Web und das der letzten 25 Jahre bewahren. Um dieses Wissen zu konservieren, spielen beispielsweise die Bibliotheken eine wichtige Rolle. Aber gleichzeitig erwarte ich in der Zukunft grosse Innovationen. Viele Websites werden interaktiv aufgebaut sein, es werden neue Informationsräume entstehen. Dann rechne ich mit sehr leistungsfähigen Browsern und neuen interessanten Geräten. Das existierende Web, mit vielen wichtigen Dokumenten, wird immer noch eine grosse Rolle spielen. Ich vergleiche das mit der Bedeutung unserer Sprache. Schon vor der Erfindung des Buchdrucks benutzten die Leute dieselbe Sprache, in der sie nun im Web miteinander kommunizieren. Die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren, wird sich nicht so schnell ändern.

Glauben Sie, dass die Menschheit in 100 Jahren das Web immer noch als eine der grössten Erfindungen des 20. Jahrhunderts erachten wird?

Die Menschen werden das heutige Web rückblickend als einen Raum betrachten, der für gute aber auch für schlechte Dinge genutzt wurde. Genauso wie man auch auf andere Innovationen zurückblickt.

Als Sie den Grundstein für das heutige Web legten, arbeiteten Sie am Cern in Genf. Welche Beziehung haben Sie heute noch zur Schweiz?

Ich mag die Schweiz immer noch sehr gerne. Wenn immer ich hierher zurückkomme, werde ich ein wenig nostalgisch. Die Zeit, als ich in Genf und Zug arbeitete, war grossartig. Ich denke gerne daran zurück.

Der britische Physiker und Informatiker Sir Tim Berners-Lee (58) entwarf 1989 am Cern in Genf ein Arbeitspapier mit dem Titel "Informationsmanagement: Ein Vorschlag" und legte damit den Grundstein für das heutige World Wide Web. Heute ist Berners-Lee Professor am bekannten Massachusetts Institute of Technology in den USA. Das Interview fand im Rahmen des Leonteq (R)evolution Day 2014 statt.