cash: Herr Müller, Sie sind seit der Finanzkrise ein bekannter Mann, weil Sie als Händler unter der Anzeigetafel an der Frankfurter Börse ständig fotografiert wurden und so den Namen 'Mr. Dax' erhielten. Jetzt arbeiten Sie nur noch einen Tag an der Börse und haben ihre eigene Firma gegründet, betreiben eine Website (cashkurs.com), schreiben Bücher und halten Vorträge. Warum?
Dirk Müller: Das hat sich so ergeben. Ich handelte zehn Jahre deutsche Staatsanleihen und anschliessend zehn Jahre Aktien. Als es an den Börsen Turbulenzen gab, erschien ich oft in den Zeitungen. Dann wurde bald einmal eine Geschichte geschrieben über mich, ich wurde immer mehr zum Interviewpartner für viele Medien. Irgendwann wurde das so intensiv, dass ich mir die Frage stellen musste: Was machst Du wie weiter? Und da sich die Börsen immer mehr wegentwickeln vom traditionellen Börsengeschäft hin zu einem Casino, und weil mir die Dolmetscherfunktion zwischen den zwei Welten gefällt, habe ich mich zu diesem Schritt entschieden.
Die Börsen wurden zum Casino, sagen Sie. Bietet die Krise eine Chance, alte Werte wieder einzuführen?
Definitiv. Die Politiker begreifen langsam, was an den Märkten schiefläuft. Die Börsen und die Finanzwelt haben ja eigentlich wichtige Aufgaben als Dienstleiter der Marktwirtschaft. Sie nehmen diese Aufgaben nicht mehr wahr. Stattdessen erhebt die Finanzwelt die Spekulation zum Selbstzweck. Die Finanzwelt dient der Realwirtschaft nicht mehr, sondern sie beherrscht und gefährdet sie. Die Politik muss jetzt Entscheidungen treffen bei einem Tempo, das die Finanzwelt vorgibt. Doch wieso lassen wir uns von diesen Dienstleistern das Tempo vorgeben, nach dem alle zu rennen haben?
Bei den Regulierungsvorhaben, die sich die Politik für die Finanzwelt seit Lehman vorgenommen hat, ist viel Schwung draussen. Sind die Banken zu mächtig?
Die Banken sind bei diesem Punkt zu mächtig. Das Know-how, wie Banken und Finanzmärkte funktionieren, ist in der Politik leider sehr spärlich vorhanden. Deshalb muss man sich das Know-how da holen, wo es ist, bei den Banken. Das macht es natürlich schwierig, die Regulierungen durchzusetzen.
Wie beurteilen Sie das Anlegerverhalten derzeit?
Es hat sich leider nicht viel verändert. Die Leute kaufen nach wie vor Zertifikate, ohne zu verstehen, dass sie damit nur Wetten abschliessen. Sie haben nach wie vor Angst vor Direktinvestitionen in Aktien, obwohl dies eine der günstigsten und ältesten Anlageform ist. Die Leute verlangen immer noch eine hundertprozentige Sicherheit ihrer Geldanlagen. Sie erwarten vom Geld mehr Sicherheit als vom eigenem Leben. Das ist nicht realistisch.
Wie ist die Stimmung in Deutschland gegenüber der Eurozone?
Die Stimmung ist ausgesprochen unsicher. Die Leute wissen nicht, wie sie die Situation einschätzen sollen. Vor allem besteht eine Angst vor Geldentwertung. Deutschland hat da ja üble Erfahrungen gemacht. Diese Sorgen sind angesichts der Politik der Notenbanken nicht ganz unbegründet. Dabei sind die Menschen in Europa gegenüber der Idee Europa extrem aufgeschlossen. Sie wollen kein getrenntes Europa mehr und kein System der abgeschotteten Nationalstaaten. Die Einführung des Euro war aber meiner Meinung nach ein Fehler. Das war eine politische Entscheidung zur falschen Zeit. Die Frage ist jetzt: Kommen wir ohne oder mit Euro zur Einigung.
Die europäische Zentralbank ist entschlossen, den Euro mit allen Mitteln zu retten...
Die EZB pumpt massiv Geld in das System. Es kommt zu einer Neutralisierung der Schuldenguthaben, und das geschieht durch Schuldenschnitte, höhere Steuern, aber am wahrscheinlichsten durch Inflation. In einer solchen Phase darf man keine Anleihen mehr halten. Die EZB ist bereit, von beliebigen Grossinvestoren Staatsanleihen zu Höchstpreisen zurückzukaufen. Diese Investoren werden ihre Schrottanleihen los, bevor sie durch Inflationierung wertlos werden. Und sie können mit dem Erlös in Realwerte investieren.
Und wer verliert?
Verlierer sind die kleinen Investoren und die Versicherungen, die wegen Vorschriften gezwungen werden, weiterhin in Staatsanleihen zu investieren. Am Ende sind also die normalen Bürger die Gekniffenen. Den 'Big Boys' wird also die Möglichkeit gegeben, sich von den Anleihen zu trennen und in Realwerte zu wechseln, der Normalbürger kann das kaum. Daher halte ich das, was die Notenbanken machen, für eine ziemlich grosse Sauerei.
Wie sieht die Eurozone in fünf Jahren aus?
Das ist sehr schwierig vorauszusagen. Vor ein paar Monaten hätte ich gesagt, dass Griechenland bald nicht mehr dabei ist. Diesbezüglich hat sich im Sommer etwas verändert. Offenbar spielen die Öl- und Gasvorräte im griechischen Boden beziehungsweise auf den Inseln eine Rolle. Dies war und ist ja auch der grosse Streitpunkt zwischen Griechenland und der Türkei.
Kam die Sommerrally an den Börsen überraschend für Sie?
Mario Draghi, der alte Goldman-Sachs-Mann, hat hier sicher sein Süppchen gekocht. Es ist aber ausgesprochen gefährlich, was da getan wird. Auf der eine Seite sind da die steigenden Geldmengen, die in die Märkte schiessen. Auf der anderen Seite haben wir eine schrumpfende Wirtschaft. Wenn die EZB aber will, dass die Schulden weginflationiert werden sollen, dann bitte richtig.
Wie das?
Wir brauchen höhere Preise, höhere Renten, höhere Löhne. Das würde auch die Wirtschaft stimulieren. Jetzt werden bloss Sparpakete beschlossen. Der gleichzeitige Geldfluss in die Finanzmärkte bewirkt dagegen einen Anstieg der Rohstoffpreise. Das erzwingt wiederum Preisanstiege, die man aber nicht an den Bürger weitergeben kann, weil bei diesem die Gehälter gekürzt werden. Damit werden die Verarmung der Bevölkerung und Pleiten von Unternehmen gefördert. Das ist Stagflation, also eine stagnierende oder schrumpfende Wirtschaft bei gleichzeitig steigenden Preisen. Das ist schlimmer als jede Form von Inflation.
Die Massnahmen der Zentralbanken sind in den letzten Jahren immer schneller verpufft. Wie lange dauert die Börsenrally noch an?
Das kann niemand sagen. Wir haben eben zwei Kräfte, die gegeneinander ziehen. Zum einen eine schrumpfende Wirtschaft, dann die Liquidität in den Märkten und die Hoffnung auf noch mehr Liquidität. Es ist ein Spannungsfeld von steigenden und fallenden Kursen. Wir sind auf dem Weg zur Neutralisierung und Entwertung von Schulden. Das heisst: Auf Nominalwerte wie Anleihen oder Festgelder kann man sich in einem solchen Umfeld nicht verlassen. Das einzige, was dem Anleger bleibt, sind Realwerte. Diese sollte man massiv hochfahren.
Zu den Realwerten gehören Aktien. Auf welche sollte man setzen?
Auf Substanzwerte und Dividendentitel. Ich würde mich hier auf die USA und Europa konzentrieren. Natürlich auch auf Schweizer Aktien wie zum Beispiel Nestlé. Mir gefällt übrigens ausgesprochen gut, wie die Schweiz ihre Werte schützt durch Protektionismus. Leider ist das ein Schimpfwort geworden, ich finde dies aber einen Schutz der Werte und Wertvorstellungen. Die Schweiz macht das auf ausgesprochen sinnvolle Weise. Ich glaube, Europa könnte viel lernen vom Schweizer Modell. Eine starke Währung war auch immer Zeichen von einem hohen Lebensstandard.
Die Liquiditätszufuhr der Zentralbanken treibt nicht nur die Aktienkurse, sondern auch die Rohstoffpreise. Der Grundstein für eine neue Blase?
Die Anstiege bei den Rohstoff- und Aktiennotierungen stehen in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Entwicklung. Wenn die Weltwirtschaft nochmals einen Schlag bekommt, dann besteht die Gefahr eines deflationären Schocks. Die Kurse von Aktien, Edelmetallen oder Rohstoffen würden dann fallen wie 2008/2009. Diese Gefahr halte ich für realistisch, trotz aller Liquiditätsspritzen.
Wieso soll man denn nun Aktien kaufen?
Ich würde trotzdem jetzt in reale Werte investieren, da wir nicht sicher sein können, dass es vor der Inflationierung tatsächlich noch mal zu einem deflationären Schock kommt. Wenn man merkt, dass die Märkte kippen, versichert man die realen Werte gegen Kurseinbrüche mit klassischen Verkaufsoptionen. Das sind nichts anderes als 'Versicherungspolicen', die es seit Jahrzehnten gibt. Das mache ich selber auch so. Ich behalte meine Aktien und Edelmetalle. Wenn der Druck an den Märkten zunimmt, dann kaufe ich mir eine Versicherung. Falls es tatsächlich zu einem Schock kommt, dann kann ich mit dem Erlös aus den 'Versicherungspolicen' auf tiefem Niveau weitere Aktien kaufen.
Sie sagen, Edelmetalle sollten bis 20 Prozent eines Portfolios betragen. Soll man sich angesichts des in den letzten Monaten massiv gestiegenen Goldpreises jetzt überhaupt noch Gold kaufen?
Haben muss man es auf jeden Fall. Ob man Gold jetzt noch kaufen soll, ist ein anderes Thema. Gold sollte man nicht aus Renditegesichtspunkten kaufen. Sondern um etwas zu haben im Hinblick auf das, was kommt. Kein anderes Anlageprodukt gibt mir mehr Sicherheit. Ich kenne auch sehr wohlhabende Leute, die sich eigentlich keine Sorgen machen müssten. Aber auch sie sagen sich: Es ist ein unglaublich gutes Gefühl, etwas zu besitzen, das nie an Wert verliert.
Im cash-Video-Interview äussert sich Dirk Müller über seine Popularität und dazu, wie er sich verhält, wenn er auf der Strasse angesprochen wird.
Dirk Müller (44), alias "Mr. Dax" oder "Dirk of the Dax", ist Börsenmakler und Buchautor. Er arbeitet jeweils mittwochs an der Frankfurter Wertpapierbörse. Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank arbeitete er als Börsenmakler für ICF. Weil er unterhalb der DAX-Kurstafel sass, wurde sein Gesicht oft von Fotografen eingefangen. Seit 2008 arbeitet er für die Wertpapierhandelsbank mwb fairtrade und betreibt seine Firma Finanzethos. Er schrieb zwei Bücher mit den Titeln "Crashkurs" (2009) und "Cashkurs" (2011).

