Nach der gescheiterten Fusion zwischen der Deutschen Börse und der NYSE Euronext droht Reto Francioni (56) nun das Aus auf dem Frankfurter Finanzplatz. Zwar ist ihm der Job formell bis Ende 2013 zugesichert. Aber bereits beginnen in Deutschland erste Exponenten der Finanzbranche zu rumoren. Ein erster Stimmungsmesser wird der nächste Montag sein, wenn am gleichen Tag sich der Aufsichtsrat trifft und die Deutsche Börse die provisorischen Geschäftszahlen 2011 veröffentlicht.
Dort will Mitglied Johannes Witt gemäss Spiegel "eine gründliche und ergebnisoffene Diskussion über die Konsequenzen aus dem Fusionsdesaster fordern". Vor allem die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat wollen an der Sitzung den Leistungsausweis von Francioni thematisieren. Die Frage wird sein, ob Francioni dem zunehmenden Druck auf seine Person widerstehen kann. Zumal im Mai mit Manfred Gentz, dem Aufsichtsratschef der Deutschen Börse, seine grösste Stütze zurücktritt.
Durchhalteparolen und kritische Töne
Vorerst werden firmenintern Durchhalteparolen durchgegeben. "Es besteht zu grundlegenden Änderungen von Strategie, Struktur und Führung kein Anlass. Vielmehr sind jetzt Ruhe und Kontinuität gefragt", sagte Gentz der Süddeutschen Zeitung. Auch von der Deutschen Bank erhält Francioni Rückendeckung. Kein Wunder: Das Institut von Josef Ackermann war einer der Berater beim Fusionsanlauf gewesen.
Aus dem gleichen Haus kommen aber auch kritischere Töne. Ein Vertreter der Fonds-Tochter DWS srpicht von einer "herben Niederlage für das Management" und fordert einen Neuanfang bei der Deutschen Börse. Die Frankfurter Neue Presse schrieb gar über Francioni, "der Mann sei offenbar überfordert gewesen."
Mehrmaliges Scheitern
Immerhin beweist Francioni mit dem jüngsten Misserfolg Konstanz: Ein Blick auf seinen Lebenslauf offenbart wenig Erfolge:
1997 scheiterte er als Geschäftsführer der Deutschen Börse daran, den Neuen Markt als neues Segment zu etablieren – ganz nach dem Vorbild der amerikanischen Technologie-Börse Nasdaq. Verschiedene Bilanzskandale bei kotierten Tech-Firmen sowie ein rascher Kurssturz im Zuge der geplatzten Dotcom-Blase im Jahr 2000 beendeten vorerst seine Ambitionen bei der Deutschen Börse. Francioniwechselte vorübergehend zum Online-Broker Consors und zur Schweizer Börse SIX.
2005 wehrte Francioni einen Angriff der expandierfreudigen Deutschen Börse ab. Deren damaliger Chef war Werner Seifert, ebenfalls ein Schweizer. Offenbar mochte Francioni seinen Landsmann nicht und liess ihn ins offene Messer laufen. Weniger später ersetzte wurde Seifert am Main ab- und Francioni eingesetzt.
2006 gab die NYSE bekannt, die europäische Vierländerbörse Euronext für 10 Milliarden Dollar zu übernehmen. Francioni mobilisierte zum Gegenangriff und scheiterte – trotz offener Unterstützung des damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac. Die Aktionäre entschieden anders, es entstand die NYSE Euronext.
2008 unternahm Francioni den ersten Anlauf, mit der NYSE über eine Fusion zu verhandeln – ohne Erfolg. "Die Zeit war damals noch nicht reif", sagte Francioni kürzlich.
Fusionsdebakel als Stolperstein
Im vergangenen Jahr schien die Zeit gekommen zu sein, um mit der Fusion die grösste Aktienbörse der Welt mit über 6000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 5,4 Milliarden Dollar entstehen zu lassen. Zum Vergleich: 2010 setzte die Schweizer Börsenbetreiberin SIX Group mit 3700 Mitarbeitern 1,5 Milliarden Franken um.
Noch vor wenigen Tagen hatte sich Reto Francioni bereits als Teil des Führungsgremiums einer Weltbörse gesehen. Und am liebsten wäre ihm gewesen, wenn die Welt sich eines Tages an ihn erinnert hätte als den im Ausland tätigen Schweizer, der mit seinem Team die Deutsche Börse so stark gemacht hatte, dass sie in einer Fusion globalen Ausmasses eine entscheidende Rolle spielen kann. Nun könnte das Fusionsdesaster zum definitiven Stolperstein seiner Karriere werden.

