Vergessen ist schnell, deshalb wiederholt sich die Geschichte so leicht. Das dürfte auch für die beschlossene Fusion der Deutschen Börse und der NYSE Euronext gelten, die sich zur grössten Börse der Welt zusammenschliessen wollen. Nimmt man den Deal etwas unter die Lupe, zeigt sich schnell, dass die Deutsche Börse faktisch die Nyse NYSE Euronext übernehmen will.
Vor knapp sechs Jahren wollte die Deutsche Börse noch ganz bescheiden die Schweizer Börse übernehmen. Damals war Reto Francioni Präsident der Schweizer Börse und Werner Seifert, ebenfalls ein Schweizer, Chef der Deutschen Börse.
Weil Francioni Seifert nicht mochte, unternahm er viel, um ihn in der Schweiz ins offene Messer laufen zu lassen. Seifert brauchte damals dringend eine Fusion, um die ehrgeizigen Wachstumsziele der Deutschen Börse zu erreichen. Doch Seifert war zuvor bereits in London und später in Paris gescheitert.
Jeder will den andern übernehmen
Nachdem Seifert in der Schweiz nur auf kalte Schultern gestossen war, unternahm er einen neuen Anlauf in London. Am Schluss stellten sich aber die Aktionäre der Deutschen Börse gegen eine Übernahme der Londoner Börse und forderten den Kopf von Seifert. Die grösste Niederlage musste für Seifert aber gewesen sein, dass sein Posten mit Reto Francioni besetzt wurde.
Neben der Deutschen Börse war auch die damalige Vierländerbörse Euronext, ein Zusammenschluss zwischen Paris, Brüssel, Amsterdam und Lissabon, an der Übernahme der Londoner Börse interessiert. Dann zeigte sich die Euronext plötzlich bereit, die Deutsch Börse unter Francionis Leitung zu übernehmen. Derweil unterbreitete die US-Technologiebörse Nasdaq der Londoner Börse ein Kaufangebot, zog es später aber wieder zurück.
Die späte Rache des Verlierers?
Doch im Frühling 2006 rückte die Deutsche Börse ins Visier der New York Stock Exchange (NYSE). Sie schrieb damals der Überwachungsbehörde SEC, dass "strategische Transaktionen jederzeit erfolgen könnten und gemessen an den eigenenen Vermögenswerten und Transaktionen erheblich sein werden".
Das Tauziehen um Übernahmen hat damals dafür gesorgt, dass sich die Aktienkurse der Euronext und der Londoner Stock Exchange verdoppelt hatten, während jender der Deutschen Börse um 40 Prozent angestiegen war.
Weg kann woanders hinführen
Im Juni 2006 gab die NYSE überraschend bekannt, die Euronext für zehn Milliarden Dollar zu übernehmen. Das moblisierte die Deutsche Börse unter Reto Francioni zum Kampf um die Euronext, was daraus ein Politikum machte. So sprach sich der damalige französische Präsident Jacques Chirac offen für eine Fusion der Euronext mit der Deutschen Börse aus. Doch die Aktionäre entschieden anders. Es entstand die NYSE Euronext.
Jetzt will sich Reto Francioni dieses Konstrukt unter den Nagel reissen. Denn bei einem Zusammengehen der Deutschen Börse mit der NYSE Euronext würden die Aktionäre der Deutschen Börse 60 Prozent des Kapitals des neuen Fusionsgebildes kontrollieren und die Deutsche Börse würde den Verwaltungsrat dominieren.
Es liegt auf der Hand, wie der neue Verwaltungsratspräsident der grössten Börse der Welt heissen würde: Reto Francioni. Doch bis dorthin ist der Weg noch lange und steinig. Und die Vergangenheit zeigt, dass der Weg zum Ziel ganz woanders hinführen kann.

