Auch nach dem Auf und Ab der vergangenen Woche sind die Messgrössen für die Nervosität unter Investoren noch deutlich unterhalb des Niveaus, das beim letzten Ausverkauf im August erreicht wurde. Damals waren die Aktienkurse um elf Prozent eingebrochen. Zwar schnellte der Chicago Board Options Exchange Volatility Index in der vergangenen Woche gleich an zwei Tagen um mehr als zehn Prozent hoch, zum Wochenabschluss war er aber immer noch 34 Prozent unter seinem Hoch im Sommer.

Wer auf die Investorenstimmung achtet, um Hinweise für die Marktrichtung zu finden, kann bislang noch keine Kapitulation ausmachen - diese wäre erreicht, wenn selbst die grössten Optimisten aufgeben und die Kurse auf ein Niveau einbrechen, bei dem wieder Ruhe am Markt einkehrt. Auch wenn der Standard & Poor’s 500 Index in den ersten zwei Handelswochen acht Prozent eingebüsst und damit seinen bislang schwächsten Start ins Jahr erlebt hat, sehen Marktexperten weiteren Raum für Volatilität.

Markt dreht nach "umfassender Panik"

Erst nach einer "umfassenden Panik" wird der Markt drehen, sagt Scott Minerd, Vermögensverwalter bei Guggenheim Partners. "Dabei würde die Volatilität gewaltig zunehmen, da sich alle zum Ausgang drängen und die Preise nach unten prügeln, nur um aus ihren Positionen herauszukommen."

In den ersten zehn Handelstagen des Jahres verloren US- Aktien 2 Billionen Dollar an Wert und der S&P-500-Index fiel auf den niedrigsten Stand seit August zurück. Beim Dow Jones Industrial Average waren die Ausschläge an den drei letzten Handelstagen der vergangenen Woche die stärksten seit die Ratingagentur Standard & Poor’s 2011 den USA die Spitzen- Bonitätsnote "AAA" entzog.

Der Chicago Board Options Exchange Volatility Index, der die Verunsicherung der Händler auf Basis von S&P-500-Optionen misst, beendete die vergangene Woche bei 27,02 - das ist zwar 60 Prozent über dem Durchschnittsstand 2015, aber noch zwölf Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen Talfahrt, die am 18. August begann. Und der aktuelle Stand liegt noch 34 Prozent unter dem damals erreichten Hoch.

Fragezeichen zum Ausverkauf

Ein Grund für die Verunsicherung liegt darin, dass sich auch viele Händler den Ausverkauf nicht so richtig erklären können, sagt Russ Koesterich, leitender Investment-Stratege weltweit bei BlackRock, dem Verwalter von 4,5 Billionen Dollar. Verblüffend sei dabei vor allem die Rolle, die Öl für die Kurse spiele, nachdem der Ölpreisrutsch unter die Marke von 30 Dollar je Barrel eine der grössten Aktien-Talfahrten nach sich gezogen hat.

"Es ist nicht offensichtlich, warum Öl den Markt bestimmt und ich habe den Eindruck, dass alle versuchen, die Zusammenhänge zu verstehen", sagt Koesterich. "Wenn die Rohstoffpreise so schnell fallen, stellen sie den Kanarienvogel in der Mine dar, und was sagt uns das über den Zustand der US- Wirtschaft? Aber der Ölpreiseinbruch wird eigentlich nur vom Angebotsüberschuss angetrieben."

Was auch immer dahintersteckt, die Panik weitet sich aus - mit Ausnahme der Versorger sind nach den ersten zwei Handelswochen alle Branchenim S&P-Index davon betroffen, wobei es für Industrie-, Konsum-, Energie-, Technologie-, Banken-, und Materialwerte jeweils mehr als acht Prozent abwärts ging. Lediglich 39 Aktien haben in dem marktbreiten Index in dem Zeitraum Gewinne verzeichnen können.

"Der Markt ist manisch-depressiv und pendelt zwischen einer nur positiven Wahrnehmung und einer nur negativen Sicht", sagt Howard Marks, Co-Gründer von Oaktree Capital Group LLC, im Interview mit Bloomberg Television. "Vielleicht muss er erst einmal dramatisch unterbewertet werden, also zu weit ins Negative ausschlagen."

Nicht alle sehen jedoch die Zukunft pessimistisch. Wenn am heutigen Dienstag die Berichtssaison für das vierte Quartal mit der Vorlage der Bilanzen von 40 S&P-500-Mitgliedern startet, könnten positive Ergebnisse zu einer temporären Bodenbildung für US-Aktien führen, sagt Quincy Krosby, Marktstratege bei Prudential Financial Inc., dem Verwalter von 1,2 Bill. Dollar. Analysten gehen davon aus, dass die Gewinne der Indexmitglieder im vierten Quartal durchschnittlich um sieben Prozent geschrumpft sind - so stark wie seit 2009 nicht mehr.

(Bloomberg)