Die Ankündigung einer Flüchtlings-Obergrenze in Österreich und die Absicht des Landes, seine Grenzen besser zu schützen, vergrössere die Gefahr, dass die Zeit der offenen Grenzen in Europa zu Ende gehen könnte, sagte am Donnerstag der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel warnte vor einer "wirtschaftlichen Katastrophe", wenn sich immer mehr Grenzen schlössen. Es lasse sich leicht hochrechnen, "wie viel Arbeitslose bei einer arbeitsteiligen Wirtschaft in Europa durch die Rückkehr zu geschlossenen Grenzen produziert würden".

Plädoyer für offene Grenzen

"Grenzen innerhalb Europas müssen offen sein - das ist das Erfolgskonzept für Deutschland, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen", forderte auch Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. "Das Schliessen von Grenzen ist das Gegenteil von dem, was uns gross gemacht hat."

Kramer sprach von grosser Sorge in der Wirtschaft. Die massgeblichen Verbände fürchten, dass Grenzzäune und Grenzkontrollen Milliardenschäden für die deutsche Wirtschaft verursachen könnten. Der DIHK spricht von jährlich zehn Milliarden Euro.

Der künftige Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, allerdings dämpfte solche Befürchtungen. Im Radiosender SWR2 sagte er, neue Grenzkontrollen seien zwar "nicht schön". Er halte er sie aber für beherrschbar.

Deutschlands Wirtschaft ist mit einem Aussenhandelsvolumen von 2,6 Billionen Euro im Jahre 2014 so stark auf Geschäfte mit dem Ausland ausgerichtet wie nur wenige Länder. Knapp 60 Prozent davon entfallen auf Europa.

80 Prozent des Warenverkehrs mit den europäischen Staaten wird über Land abgewickelt, vor allem mit Lastwagen. Dieses Geschäft hängt besonders von offenen Grenzen zwischen den 26 Staaten des Schengen-Raums ab.

Gabriel verwies am Mittwochabend beim Weltwirtschaftsforum in Davos zudem darauf, dass die offenen Grenzen die Arbeitsteilung in Europas Wirtschaft massiv verändert habe. Wenn das in Gefahr komme, koste das Jobs.

Teure Lagersysteme statt offene Grenzen

DIHK-Hauptgeschäftsführer Wansleben und Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer halten diesen Aspekt ebenfalls für zentral. Mit der Öffnung der Grenzen hätten die Firmen ihre Versorgung mit Produkten, Komponenten und Rohstoffen umgestellt. Lager seien geschlossen worden, weil man sich auf pünktliche Anlieferungen (Just-in-time) verlassen könne. Gebe es die offenen Grenzen nicht mehr, müssten wieder teure Lagersysteme aufgebaut werden.

"Wenn die Grenzen zu sind, fangen die Schlangen (von Lkw) an", warnte Wansleben im Deutschlandfunk. Als Folge wären Arbeitsplätze bedroht, auch der Wohlstand würde sinken. Wollseifer unterstrich in der "Rheinischen Post": "Europa braucht den freien Grenz- und Warenverkehr."

(AWP)