cash: Welches sind die grössten Herausforderungen für die Schweizer Wirtschaft?

Ruth Metzler-Arnold: Als Präsidentin des Osec-Verwaltungsrats bin ich besonders auf die Exportwirtschaft beziehungsweise auf die exportierenden Unternehmen fokussiert. Die Rahmenbedingungen müssen so ausgerichtet sein, dass exportorientierte Schweizer Unternehmen auch in Zukunft international mit der Spitze mithalten können. Verlagerungen von heimischen Firmen ins Ausland müssen, wo immer möglich verhindert werden. Allerdings sind Auslandinvestionen zu begrüssen, da sie sich erfahrungsgemäss auch wieder positiv auf Umsatz und Beschäftigung des Unternehmens im Inland auswirken können. Der starke Franken ist in diesem Zusammenhang wohl die grösste Herausforderung für die Exportwirtschaft.

Bundesrat Schneider-Ammann wünscht sich einen Euro-Franken-Kurs bei 1,40 Franken. Unterstützen Sie ihn dabei?

Die Osec stellt keine politischen Forderungen.

Das ist doch ein wirtschaftliches Thema?

Im täglichen Austausch mit exportierenden Unternehmen stellen wir fest, dass diese auch mit einem Wechselkurs von 1,20 Franken nach wie vor sehr stark zu kämpfen haben.

Somit befürworten Sie eine Anhebung der Kursuntergrenze durch die Schweizerische Nationalbank?

Selbstverständlich wäre dies aus Sicht der Exportwirtschaft zu begrüssen, denn der Wechselkurs von 1,20 Franken ist für zahlreiche exportorientierte Unternehmen ausserordentlich schwierig. Wir haben auch keine pauschalen Patent-Rezepte für die exportierenden Unternehmungen, aber es gibt verschiedene Massnahmen, die wir ihnen empfehlen können.

Wie kann die Osec den Schweizer Unternehmen helfen?

Indem wir ihnen zum Beispiel helfen, neue Märkte zu identifizieren ausserhalb des Euro- und Dollar-Raumes. Eine geografische Diversifikation kann sehr helfen, aber genauso wichtig ist, dass sich Unternehmen geografisch nicht verzetteln. Bei der Auswahl und Vorbereitung auf einen Markt gilt die Qualität, eine seriöse Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg. Es geht nicht darum, möglichst rasch in möglichst vielen Märkten präsent zu sein. Hilfreich ist auch, auf das Prädikat 'Swissness' zu setzen.

Was heisst das genau?

Mit 'Swissness' wird oft nicht nur das eigentliche Produkt verknüpft, sondern auch Werte wie Verlässlichkeit, Vertrauen, Einhaltung der Lieferfristen, gute Serviceleistungen nach dem Verkauf und so weiter. Der Kunde ist bereit für Innovation und Qualität zu zahlen, wenn diese Leistungen stimmen. Oder in anderen Worten: Das Kosten-Nutzen-Verhältnis muss stimmen.

Sie beraten auch Führungspersönlichkeiten in Strategie- und Führungsfragen. Welche Führungsleute braucht die Schweiz?

Die Schweiz braucht Führungsleute, die nicht nur fachkompetent sind, sondern über einen breiten Horizont verfügen und weltoffen agieren. Das will aber nicht heissen, dass wir nur ausländische Führungsleute brauchen, im Gegenteil. Wir brauchen eine Durchmischung. Wenn man die Schweizer Unternehmungen und Organisationen analysiert, da würde ich mir zum Teil noch eine bessere Durchmischung in verschiedener Hinsicht wünschen.

…also auch mehr Frauen in Toppositionen?

Sicher, die Präsenz von Frauen in Führungspositionen der Schweizer Wirtschaft ist noch ungenügend. Das Bewusstsein in der Gesellschaft muss gestärkt werden, dass mehr Frauen — und so auch ganz generell 'gemischte' Gremien und Teams in Toppositionen — einen Mehrwert für das Unternehmen bedeuten.

Sie sind für eine Frauenquote?

Nein, ich bin – noch – nicht für eine Frauenquote. Ich stelle jedoch fest, dass das Bewusstsein noch nicht überall verbreitet ist, dass 'gemischte Gremien' im weiteren Sinne verstanden, nämlich unterschiedliche Profile, Nationen, Geschlechter und Alter, einen Mehrwert für das Unternehmen ermöglichen. Gemischte Teams bringen die besten Resultate, das haben auch verschiedene Studien gezeigt. In der Osec möchten wir übrigens den Verwaltungsrat um zwei Unternehmer aus der Westschweiz erweitern, weil wir die Romandie besser in unsere Organisation einbinden wollen.

Wie schafft man es denn, einem männlich dominierten Führungsgremium klar zu machen, dass es mehr Frauen mit ins Boot nehmen sollte?

Das ist nicht immer einfach. In den letzten Monaten wurde ich jedoch auch verschiedentlich von Männern in Führungspositionen darauf angesprochen. Ich bin auch froh, dass die Medien dieses Thema immer wieder aufgreifen. Man macht sich nicht überall beliebt, wenn man sich zu diesem Thema wiederholt äussert. Es muss sich nun dringend etwas ändern, es braucht sichtbare und nachhaltige Verbesserungen, ansonsten werde wohl auch ich mich eines Besseren belehren lassen und resigniert feststellen müssen, dass es ohne Quote nicht funktioniert. Ich hoffe sehr, dass sich in unserem Land endlich etwas bewegt – ohne Quoten.

 

Ruth Metzler-Arnold ist seit Mai 2011 Präsidentin des Osec-Verwaltungsrats. Die Juristin und Wirtschaftsprüferin war von 1999 bis 2003 Bundesrätin und Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements und zuvor drei Jahre Regierungsrätin (Finanzdirektorin) des Kantons Appenzell Innerhoden. Ruth Metzler war unter anderem fünf Jahre für Novartis und acht Jahre für PricewaterhouseCoopers tätig. Seit 2010 ist sie Partnerin von Klaus-Metzler-Eckmann und berät Führungspersönlichkeiten, Geschäftsleitungen sowie Verwaltungsräte in Fragen der Strategie, Führung und Kommunikation.

Das Interview mit Ruth Metzler-Arnold wurde anlässlich des Aussenwirtschaftsforums der Osec am 29. März 2012 in Zürich geführt.