Der Jahresstart hätte kaum schlechter ausfallen können - 11 Prozent Verlust im Euro Stoxx 50, neun Prozent beim S&P 500, Turbulenzen an den chinesischen Börsen. Grund genug für viele Anleger, Deckung zu suchen. Doch nicht alle Investoren lassen sich vom grassierenden Pessimismus anstecken. "Es ist nicht an der Zeit, in Cash zu gehen", sagte James Swanson, der leitende Anlagestratege des Vermögensverwalters MFS Investment Management, bei einem Pressetermin in Frankfurt.

Die Konjunkturabschwächung in China, die US-Zinsentwicklung und der Verfall der Rohstoffpreise bieten laut Swanson durchaus genug Stoff für schwache Börsen. "Wir leben in einer Phase der Furcht", stellte der Anlagestratege fest. Ein guter Ratgeber seien die Ängste jedoch nicht. Denn ein Blick auf die Fundamentaldaten zeige, dass zwischen der Einschätzung der Marktteilnehmer und der tatsächlichen Lage eine erhebliche Kluft sei.

Die Gefahr einer harten Landung der chinesischen Wirtschaft, die an den Börsen seit Jahresbeginn für Verwerfungen sorgt, will Swanson nicht leugnen. Doch hat sie seiner Ansicht nach nicht das Zeug, die Weltwirtschaft in die Knie zu zwingen. Dafür sei der Anteil der Exporte nach China am Bruttoinlandsprodukt der grossen Industrienationen zu gering. Die USA kämen auf lediglich 0,7 Prozent, und selbst die Exportnation Deutschland liege nur bei 2,1 Prozent.

Auch USA machen Sorgen

Doch nicht nur China, auch die USA machen Marktteilnehmern Sorgen. In der Spitze hat sich der S&P 500 seit dem Tief 2011 fast verdoppelt und seit der Finanzkrise sogar verdreifacht. Die lockere Geldpolitik der US-Notenbank in den vergangenen Jahren hat Befürchtungen geweckt, dass die Bewertungen in luftige Höhen enteilt sind und die Blase nach der Zinswende im Dezember platzen wird.

Rückläufige Gewinne und Umsätze, die die S&P-Mitglieder im dritten Quartal des vergangenen Jahres im Schnitt verzeichnet haben, sind nach Ansicht von Swanson aber keine Warnzeichen. Ursache sei vor allem die Schwäche der Ölwerte, während andere Branchen weit besser aussähen. "Ausser im Energiesektor steigen Gewinne und Margen noch immer solide", lautet das Fazit von Swanson.

Zumal der Ölpreisverfall auch seine positiven Seiten habe. Denn was den Ölkonzernen und Schieferölproduzenten zusetze, sei für die US-Verbraucher ein Segen. Ihre Benzin- und Energieausgaben machen so wenig am verfügbaren Einkommen aus wie seit 2008 nicht mehr, wie Swanson betonte. Das seien aber gute Voraussetzungen für den Konsum als Stütze der US-Konjunktur.

Rückenwind erhält die US-Wirtschaft nicht nur von den Verbrauchern. Auch von den Investitionen der Unternehmen erhofft sich der MFS-Stratege Impulse, denn das fortgeschrittene Alter von Maschinen, IT- und Software rufe nach Ersatz. Und last but not least gestalte sich das Lohnwachstum trotz des robusten Arbeitsmarktes moderat. So waren die Stundenlöhne im Dezember unverändert, während von Bloomberg befragte Volkswirte einen Zuwachs von 0,2 Prozent erwartet hatten.

Keine Aktienblase

Diese Aussichten relativieren die Bewertung. Mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15,6 für dieses Jahr ist der S&P 500 nach Bloomberg-Daten zwar nicht mehr günstig, eine Blase will Swanson darin aber nicht erkennen. Hohe Margen und Gewinne rechtfertigen seiner Meinung nach die Bewertung. Dagegen sei der MSCI Europe, der laut Bloomberg 2016 nur auf ein KGV von 13,9 kommt, wegen der Margenentwicklung keineswegs günstig. Zumal Europa wegen der Flüchtlingskrise ein Erstarken nationalistischer, europakritischer Parteien drohe.

Bleibt die US-Zinspolitik. Die Anhebung im Dezember hat Befürchtungen geweckt, eine Serie von Anhebungen könnte den Aktienmärkten das Fundament entziehen. Schliesslich gilt die expansive Geldpolitik als einer der Treiber der Hausse. Doch auch hier gibt Swanson Entwarnung. Nach dem ersten Schritt im Dezember rechnet er zunächst nur mit zwei weiteren Anhebungen.

Auch dem Anleihemarkt drohten daher keine Verwerfungen. Zumal die Renditen durch zwei Effekte begrenzt werden. Einerseits ziehe das vergleichsweise hohe US-Renditeniveau - zehnjährige Treasuries rentieren derzeit mit zwei Prozent, entsprechende deutsche Anleihen nur mit 0,5 Prozent - internationale Anleger an. Andererseits sorge die alternde US-Bevölkerung für verstärkte Nachfrage nach sicheren Anlagen, sodass Anleihen länger niedrig notieren dürften. "Amerikanische Aktien und Credits bevorzugen", lautet daher seine Empfehlung.

(Bloomberg)