Börsianer fürchten Konjunktureinbrüche und eine Pleitewelle im Energiesektor. Zwar will noch niemand an den gerade erst gestellten positiven Prognosen für das Aktienjahr 2016 rütteln - doch Fakt ist, dass seit dem Jahreswechsel die Rohstoffpreise noch viel heftiger in den Keller gerauscht sind als vermutet.

Einige Strategen raten Anlegern, ihr Portfolio nun umzustellen: Weg von Rohstoffen und rein in Branchen und importierende Länder, die von den niedrigen Preisen profitieren. "Interessant sind die Branchen, die von einer steigenden Kaufkraft am stärksten profitieren. Dazu zählen der Konsumbereich, Technologiewerte und Telekommunikationsunternehmen ", sagt Stratege Björn Block vom Bankhaus Marcard, Stein & Co.

Flucht aus Rohstoff-Investments

Wegen der weltweiten Ölschwemme ist der Preis seit Mitte 2014 um rund 70 Prozent gefallen. Die schwächelnde Wirtschaft des Top-Verbrauchers China bereitet den Anlegern Kopfzerbrechen. Mit Preisen von teils deutlich unter 30 Dollar je Barrel (159 Liter) sind die wichtigsten Sorten Brent und WTI so billig wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Der Dax hat im Sog dessen seit Jahresbeginn schon ein Minus von rund zehn Prozent verbucht.

Immer mehr institutionelle Investoren ziehen deshalb bei Rohstoff-Investments die Reissleine. Allein im Dezember zogen Investoren nach Daten der Thomson-Reuters-Tochter Lipper rund 645 Millionen Euro aus entsprechenden Branchenfonds ab. Kleinere Fondsanbieter wie die Frankfurter Gesellschaft Lupus Alpha ziehen Konsequenzen: per Ende Juli wird der Rohstoff-Fonds des Hauses geschlossen.

Anleger sollten ihre Länder- und Branchenallokation im Aktien- und Anleihebereich laut Stratege Block jetzt anpassen. Interessant sei beispielsweise Indien, das durch günstige Ölimporte entlastet wird. Oder ostasiatische Staaten wie Thailand, Taiwan, Vietnam und Japan, die fast gar kein Öl produzierten. Ebenfalls Rückenwind vom niedrigen Ölpreis erhalten die Branchen Autos, Luftfahrt und Chemie.

In Mitleidenschaft gezogen werden derzeit hingegen vor allem die Aktien von Ölfirmen: BP, Shell, Total, Statoil, OMV und Repsol sind allein seit Jahresbeginn teilweise um bis zu achtzehn Prozent gefallen. Der Börsenwert der Branche schrumpfte in den vergangenen eineinhalb Jahren weltweit um insgesamt mehr als eine Billion Dollar. Auch Länder, die stark von Energieexporten abhängig sind, werden derzeit von Anlegern gemieden. So fiel der Moskauer Leitindex RTS seit Jahresbeginn um mehr als sechzehn Prozent. Die Börsen in Brasilien und Südafrika stehen ebenso unter Druck.

«Positive Effekte kommen erst noch»

Einige Auguren meinen jedoch, dass die niedrigen Ölpreise die Börsen im Laufe des Jahres auch wieder antreiben könnten. "Die systematischen Risiken eines niedrigen Ölpreises sind begrenzt und nicht vergleichbar mit der durch faule Kredite ausgelösten Bankenkrise 2008", sagt etwa Michael Stanes, Experte vom Vermögensverwalter Heartwood Investment. "Zudem sind niedrigere Energiepreise ein Segen für den Konsum." Dieses Argument werde derzeit von den Investoren allerdings ignoriert.

Für Marktexperte Christoph Zwermann von Zwermann Financial sind die fallenden Ölpreise ohnehin kein konjunkturelles Schwächesignal. "Die Nachfrage steigt seit Jahren permanent. Es ist also keine Nachfrageschwäche, sondern ein Überangebot, das die Preise drückt", argumentiert er. Für viele Branchen und Länder seien die niedrigeren Preise ein kleines Konjunkturprogramm. "Die positiven Effekte werden erst noch kommen."

Für die momentanen Verlierer wie die Börsen und Währungen der Rohstoffexporteure sieht Zwermann das Tal der Tränen so gut wie durchschritten. "Das Umfeld spricht dafür, dass wir bei Rohstoffen insgesamt eine Bodenbildung sehen." Doch angesichts der anhaltenden Öl-Talfahrt bleibt das "schwarze Gold" für die Investoren erst einmal das Zünglein an der Waage.

(Reuters)