Im August sind die Anleger an der Schweizer Derivatebörse Scoach wieder deutlich aktiver geworden als zuvor in den Sommermonaten Juni und Juli. Doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass in den ersten acht Monaten des Jahres so wenig wie schon lange nicht mehr gehandelt wurde. Zwischen Januar und August betrug der Umsatz mit Strukturierten Produkten 22 Milliarden Franken. Das entspricht einem Minus von über 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr – ein Rekordausmass.
Auch für die kommenden Monate sehen die Aussichten kaum besser aus. Noch stehen verschiedene Termine auf der Agenda, welche den Verlauf der Euro-Schuldenkrise massgeblich beeinflussen könnten. In der Zwischenzeit wird sich das Gros der Anleger kaum in grösserem Umfang mit "Strukis" positionieren.
Schlechtestes Jahr seit 2005
Der Scoach droht nun das schlechteste Jahr seit 2005, als ein Jahresumsatz von rund 32 Milliarden Franken erzielt wurde. Zum Vergleich: 2007 wurden 75 Milliarden Franken umgesetzt, 1998 sogar über 90 Milliarden. Zugleich wird auch die positive Entwicklung, die die Scoach seit 2009 beobachten konnte, arg gebremst.
Diese Entwicklung steht dem weiterhin florierenden "Struki"-Boom diametral entgegen: Alleine in den letzten sechs Jahren hat sich die Zahl der herausgegebenen Strukturierten Produkte von 13‘000 auf knapp 40‘000 verdreifacht - trotz der Lehman-Krise 2008, die Strukturierte Produkte in ein schlechtes Licht gerückt hatten. Und ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht. Auch jetzt emittieren die Banken trotz des Umsatzeinbruchs an der Scoach munter Tausende von Strukturierten Produkten – Monat für Monat.
Besonders beliebt bei den Emittenten sind so genannte "Barrier Reverse Convertibles". Dabei setzt der Anleger auf den Kursverlauf einer Aktie. Durchbricht diese eine definierte Barriere, erhält er zum tieferen Preis die Aktie. Bleibt sie darüber, bekommt der Anleger sein Geld zurück sowie eine periodische Zinszahlung. Alleine in diesem Segment haben einzelne Emittenten in den letzten Monaten Dutzende von Inseratseiten in Finanzpublikationen geschaltet.
Alleine im Juli kamen über 4000 neue "Strukis" auf den Markt. Derzeit schwankt die Zahl der handelbaren Produkte je nach Monat zwischen 32'000 und 40‘000. Diese Differenz erklärt sich durch den Optionsverfall, der alle vier Monate stattfindet. "Alleine im September werden beim grossen Optionsverfall rund 7500 Produkte vom Markt verschwinden", sagt Scoach-Marketingleiter André Buck.
«Aktive Bewirtschaftung»
Buck erklärt sich die auch bei tiefen Börsenumsätzen konstante Zahl an Produkten dadurch, dass die Emittenten - in der Hoffnung auf bessere Börsenzeiten - ihre Produktepalette "sehr aktiv bewirtschaften“. Gleichzeitig fördert die Scoach die Produktelancierungen, indem sie die entsprechenden Prozesse zunehmend automatisiert.
Es gibt indes auch einen anderen Grund, wieso Banken pausenlos neue Produkte auf den Markt werfen. "Emittenten kaufen in der Regel Anfang Jahr ein so genanntes Listing-Paket an der Börse. Damit kaufen sie sich das Recht, innerhalb eines Jahres eine gewisse Zahl an Produkten herauszugeben“, sagt ein Branchenkenner gegenüber cash. Da die Kotierungsgebühren der wesentliche Kostenpunkt einer Emission seien, würden oftmals Emittenten lieber ihr Kontingent auffüllen als dieses verfallen lassen. "Die grössten Ausgaben sind ja schon gemacht worden", so der Branchenkenner.
Zusätzliche Konkurrenz zur Scoach
Seit diesem Jahr droht der Scoach noch eine zusätzliche Gefahr. Mit der Swissdots-Plattform der Onlinebank Swissquote, die Ende Mai gestartet ist, beginnt sich eine Konkurrenz zur Schweizer Derivatebörse aufzubauen. Umsatzzahlen von Swissdots sind bislang keine bekannt. Offenbar sollen aber bereits an die 20‘000 Produkte – also bereits halb so viel wie an der Scoach – handelbar sein. Die Tendenz ist steigend.
Buck gibt sich gelassen. "Swissdots macht uns keine Sorgen. Wir sind überzeugt, dass das börsliche Handeln für alle Beteiligten Vorteile hat, und gehen unseren Weg.“

