cash: Herr Wellershoff, wie beurteilen Sie die Wirtschaftsentwicklung in Europa?
Klaus Wellershoff: Die Entwicklung ist kritisch und gespalten. Man muss klar definieren zwischen Nord- und Südeuropa. In Deutschland ist das Wachstum verhalten positiv, in vielen Ländern in Europa ist es aber negativ. Nicht vergessen sollte man Grossbritannien, das sich in einer Rezession befindet und auch in der Rezession bleibt.
In der Schweiz konnte das Rezessionsgespenst in den letzten Monaten etwas verscheucht werden. Können wir Entwarnung geben?
Es ist für uns unverständlich, dass die Prognosen der grossen Institute wie BAK, KOF oder auch vom Seco wieder nach oben revidiert wurden. Die wirtschaftlichen Zahlen geben das nicht her. Die nationale Buchhaltung zum vierten Quartal weist ganz klar auf, dass die Produktion in der Schweiz rückläufig war. Die Zahlen für den Januar und Februar sehen alles andere als gut aus. Das erste Quartal könnte also richtig negativ ausfallen. Und damit stehen wir wahrscheinlich erst am Anfang einer Rezession.
Es gibt höchst unterschiedliche Prognosen dazu, wann in der Schweiz die Leitzinsen erhöht werden. Wann kommt die Zinswende Ihrer Meinung nach?
Das Zinsbild der Schweiz wird natürlich nicht alleine in der Schweiz gemacht. Fakt ist: Europa hat Wachstumsschwierigkeiten, in den USA wird die Konjunktur in diesem Jahr eher schwächer. Das spricht dafür, dass die Zinsen weltweit tief bleiben werden. Und wenn wir beobachten, dass wir in der Schweiz vielleicht negatives Wachstum haben und dass die Inflation ganz deutlich negativ ist, dann muss man feststellen, dass wir am Rande einer Deflation stehen. Da darf man nicht erwarten, dass die Zinsen schnell nach oben gehen.
Derzeit sind es ja noch angenehme deflationäre Tendenzen für die Konsumenten. Wann beginnt dieser Zustand für die Wirtschaft ungemütlich zu werden?
Der starke Franken hat tätsächlich dazu geführt, dass sich die Konsumenten mehr leisten können Es ist ja interessant: Die Menschen, die das Geld ausgeben, sagen, es gehe Ihnen gut. Das Bild sieht aber ganz anders aus, wenn sie Leute fragen, die das Geld verdienen müssen, die produzieren, die im Export tätig sind oder in der Hotellerie, im Gastgewerbe oder auch bei den Banken. Mittelfristig wird sich das Geldverdienen gegenüber dem Geldausgeben durchsetzen. Und das ist leider kein so schönes Bild.
Nach den zwei Mega-Finanzspritzen der Europäischen Zentralbank, welche zu deutlicher Entspannung an den Märkten geführt hatten, hat die Schuldenkrise die Märkte wieder eingeholt. Kam es für Sie überraschend, dass sich das Blatt so schnell wieder gewendet hat?
Für uns war es eine Fehlinterpretation zu glauben, das EZB-Instrument der langfristigen und sehr günstigen Finanzierung sei wegen der Konjunktur oder wegen der Staatsfinanzkrise eingesetzt worden. Das Instrument war direkt auf das Bankensystem fokussiert. Man wollte verhindern, dass im Rahmen der Einkapitalvorschriftsanpassung Kredite für die Unternehmen massgeblich teurer werden. Daher ist es kein Wunder, dass die Finanzmärkte und die Konjunktur nicht lange davon profitieren.
Das Verpuffen der EZB-Massnahmen ist also nicht der Hauptgrund für das erneute Hochschnellen der Risikozuschläge für die Staatsobligationen Italiens und Spaniens?
Es war ein nicht unerwünschter Nebeneffekt, dass die EZB-Massnahmen auf die Risikozuschläge der Staatsanleihen abfärbten. Aber bei den Staatsanleihen beobachten wir ein ganz anderes Phänomen. Vergessen wir nicht, dass die systemkritischen Banken Europas bis zum 30. Juni ausweisen müssen, was sie in den Bilanzen haben. Und sie müssen die Assets zum ersten Mal zu Marktpreisen bewerten und dürfen sie nicht mehr zu Einstandspreisen verstecken. Diese Banken haben zum Jahresende massiv 'abgegeben' und ihre Bilanzen verschönert, was die Spreads nach oben getrieben hat. Ich denke, zur Jahresmitte dürfen wir ähnliches erwarten. Die Risikozuschläge der südeuropäischen Länder werden daher eher steigen.
Vor allem Spanien steht jüngst im Zentrum. Es fällt auf, wie oft sich Regierungsvertreter melden und sagen, 'wir schaffen das ohne Hilfe von aussen'. Das erinnert an Griechenland...
Als Regierung muss man so etwas sagen, solange dies irgendwie geht. Auf der anderen Seite müssen die Spanier enorm sparen, um ihr Budgetdefizit in Griff zu kriegen. Und wer spart, der verzichtet auf Wachstum. Die Spanier sind und bleiben in der Rezession. Spanien ist ein echtes Sorgenkind, und wir rechnen damit, dass sich die Situation dort in den nächsten Wochen zuspitzen wird. Aber auch in Frankreich wird sich noch einiges negativ entwickeln.
Wird die Konsolidierung an den Börsen, die wir seit zwei Wochen beobachten, anhalten?
An den Börsen hatte man in den letzten Wochen das Gefühl, dass die Marktteilnehmer keine Krise mehr haben wollten. Erlauben Sie mir einen Vergleich: Nach dem Spiel Bayern München gegen den FC Basel hörte ich am Schweizer Fernsehen, dass die Basler stolz erhobenen Hauptes vom Platz gehen können. Wenn man so etwas bei einem Schlussstand von 7:0 sagt, dann verweigert man sich der Realität. Und das war genau das, was die Finanzmärkte zu Beginn dieses Jahres gemacht haben.
Wie geht es weiter an den Börsen in den nächsten Monaten?
Da sind wir skeptisch. Die Börsen werden mit den gleichen Effekten kämpfen müssen wie im letzten Jahr. Spanien wird eine grosse Rolle spielen, ebenso die Banken, die Kapitalisierungsfragen lösen müssen. Die nächsten Monate werden eher ungemütlich.
Welchen Einfluss haben der Abschwung in China und der Ölpreis?
Das ist sicher nicht zu vernachlässigen. China kann gar nicht mehr so schnell wachsen wie in den letzten drei Jahren. Das nimmt den Optimismus derjenigen Leute, die glauben, China könne die Weltwirtschaft alleine ziehen. Das ist ja sowieso Quatsch. China kanndie Börsen weiter belasten. Der Röhölpreis ist auch ein Störfaktor, aber den Preis kann man nicht prognostizieren.
Der IWF veröffentlichte letzte Woche eine Studie mit der Aussage, es gebe kaum noch sichere Anlagen. Was ist die letzte sichere Anlage für Sie?
Sichere Anlagen hat es noch nie gegeben. Und es war schon immer eine falsche Vorstellung, dass man mit seinen Ersparnissen am Finanzmarkt reich werden kann. Man muss die Frage anders stellen: Wie kann man sein Vermögen am besten schützen? Und da gilt der alte Rat: Gut diverifizieren. In einer Asset Allocation sollten die verschiedenen Anlagekategorien gleich grosse Gewichte haben. Und man sollte sich vor einem langfristig zu erwartendem Zinsanstieg schützen, indem man wenig zinsreagible Anlagen hält. Obligationen sollte man also ganz weit zurückstufen und nur noch einen Restbestand halten.
Das zweimalige Unterschreiten des Frankens unter die Euro-Mindestgrenze der Schweizerischen Nationalbank (SNB) hat zu grosser Aufregung an den Märkten geführt. War das ein Vorzeichen für eine Angriffswelle von Finanzinvestoren auf die Untergrenze?
Es ist zumindest ein Zeichen dafür, dass die Glaubwürdigkeit der Nationalbank gelitten hat in den letzten Wochen und Monaten. Sonst hätten es die Investoren ja gar nicht versucht. Ob da jetzt noch mehr kommt, kann man kaum sagen. Die Vergangenheit zeigt allerdings: Wenn der Finanzmarkt einmal Blut geleckt hat, leckt er gerne noch einmal und versucht, etwas zu bewegen. Bisher waren das ja eher halbherzige Versuche.
War es nicht ein Fehler der SNB, den Euro-Franken-Kurs derart nahe an die Mindestgrenze kommen zu lassen?
Wir verteilen keine Noten an Zentralbanker. Die SNB-Leute werden jetzt wohl darüber nachdenken, was sie besser machen könnten, damit so etwas nicht noch einmal passiert.
Die SNB könnte zuim Beispiel die Kursuntergrenze erhöhen.
Um die Schweizer Wirtschaft steht es schlechter, als viele wahrhaben wollen. Wir haben keine Preisstabilität in der Schweiz, die Preise fallen. Das einzige Politikinstrument, um die Preise von drohenden extremen Negativ-Inflationsraten wegzubringen, ist eine Anhebung der Untergrenze. Dies wird also eine Überlegung sein, die sich die Nationalbank in den nächsten Monaten stellen muss.
Eine Anhebung auf 1,30 Franken pro Euro?
Wie wir die Nationalbank kennen, ist sie eher vorsichtig und würde dies in kleinen Schritten machen.
Im Video-Interview äussert sich Wellershoff über seine Firma und die UBS.
Klaus Wellershoff ist CEO der von ihm gegründeten Beratungsfirma Wellershoff & Partners in Zürich. Bis 2009 war Wellershoff Chefökonom der UBS.
Das Interview wurde am Donnerstag, 12. April, am Exchange Traded Product Day an der SIX Swiss Exchange in Zürich aufgezeichnet. cash war Medienpartner des Anlasses.


