Die Namenaktien der Credit Suisse können bis zum frühen Freitagnachmittag zumindest einen Teil der Verluste vom Vortag wieder wettmachen. Dies obschon mir aus dem Berufshandel von Abgaben im Zusammenhang mit dem heutigen Derivat-Verfall berichtet wird.
Nachdem die Schweizerische Nationalbank die Papiere der Schweizer Grossbank mit ziemlich unbedachten Äusserungen zur Eigenkapitalsituation auf Talfahrt schickte, treffen erste verteidigende Kommentare aus dem angelsächsischen Raum ein. Interessanterweise waren es vor allem angelsächsische Anlegerkreise, die sich am Vortag vor der Veröffentlichung des Stabilitätsberichts unserer Währungshüter zu Positionsglattstellungen gezwungen sahen.
In einem Kommentar schreibt der für Merrill Lynch tätige Verfasser, dass die Kapitalsituation der Credit Suisse allgemein bekannt sei. Der Stabilitätsbericht berge damit eigentlich keine Neuigkeiten. Negativ sei allerdings, dass die Behörden in Zukunft mehr Druck auf die Schweizer Banken ausüben dürften. Der Experte vermutet vor allem das schwierigere wirtschaftliche Umfeld als Grund dafür.
Berechnungen von Merrill Lynch zufolge wird die Credit Suisse das Eigenkapital in den verbleibenden drei Quartalen des Geschäftsjahres 2012 aus eigener Kraft um knapp zwei Milliarden Franken stärken können. Parallel dazu werde die Reduktion der risikogewichteten Aktiven eine Beschleunigung erfahren.
Mit der Rüge durch die Schweizerische Nationalbank zeichne sich hierzulande eine raschere Umsetzung der neuen Eigenmittelvorschriften ab, so der viel beachtete Experte. Für die Credit Suisse sei dieser Umstand negativ auszulegen, erhöhe dies doch die Wahrscheinlichkeit einer Kapitalerhöhung. Doch selbst unter Miteinbezug einer solchen Kapitalerhöhung seien in den mit einem Kursziel von 31 Franken zum Kauf empfohlenen Aktien signifikante Werte versteckt. Für die eigene Anlagekundschaft bleibe der Experte deshalb Käufer in den Papieren.
Auch sein Berufskollege bei JP Morgan hält die jüngste Kursschwäche für übertrieben. Anders als der für Merrill Lynch tätige Experte hält er eine Kapitalerhöhung für höchst unwahrscheinlich. Die Schweizer Grossbank werde viel eher bei den risikogewichteten Aktiven aufräumen und diese etwas stärker zurückfahren.
Ausserdem sei die Schweizerische Nationalbank nicht die Finma. Und letztere habe bisher keine Bedenken in Bezug auf die Eigenkapitalsituation der beiden Grossbanken geäussert.
Aufgrund der ab dem kommenden Jahr anziehenden Eigenkapitalgenerierung, der dank US GAAP im Vergleich zur Konkurrenz ziemlich ordentlichen Bilanz und der zu realistischen Marktkursen bewerteten risikogewichteten Aktiven hält der Experte die gestrige Kursschwäche als günstige Kaufgelegenheit.
Für mich lässt sich das Vorgehen der Verantwortlichen der Schweizerischen Nationalbank weiterhin nur schwer nachvollziehen. Ihren gestrigen Reaktionen entnehme ich, dass sie von der harschen Marktreaktion wohl selber überrascht wurden.
Neue Fragen wirft allerdings der Umstand auf, dass der Stabilitätsbericht bereits am Montag an Journalisten und ausgewählte Kreise verteilt wurde. In diesem Zusammenhang bedürfen zumindest die am Mittwoch beobachteten Handelsaktivitäten in Put-Optionen auf die Aktien der Credit Suisse einer genaueren Untersuchung.
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Anders als im angelsächsischen Raum wird am Schweizer Aktienmarkt die Vorsorgeverpflichtungen der hiesigen Unternehmen noch immer nicht ernst genommen. Dies ändert sich allerdings spätestens mit der zum Jahreswechsel geplanten Einführung der neuen Buchführungsvorschriften nach IFRS.
Bisher hatten Unternehmen die Möglichkeit, bei den Vorsorgeverpflichtungen bis zu 10 Prozent einer möglichen Unterdeckung nicht zu bilanzieren. Damit dürfte nach der Einführung der neuen Vorschriften rückwirkend auf den 1. Januar 2012 allerdings Schluss sein.
Heute Freitag greifen die Strategen von Goldman Sachs das Thema der Vorsorgeverpflichtungen in einer Studie auf. Den Experten zufolge haben Aktien von Unternehmen mit hohen latenten Verpflichtungen schon in den vergangenen zehn Jahren schlechter als der Gesamtmarkt abgeschnitten. Aufgrund der schwierigen Situation an den Finanzmärkten und der historisch tiefen Zinsen habe sich die Situation zuletzt sogar noch verschärft.
Bei den 600 grössten europäischen Unternehmen sei die Unterdeckung bei den Vorsorgeverpflichtungen per Ende 2011 auf 5,6 Prozent der Börsenkapitalisierung gestiegen. Seither sei die Unterdeckung möglicherweise sogar in die Nähe des bisherigen Rekords von 8 Prozent aus dem Jahre 2002 geklettert, so die Strategen weiter.
Durch die neuen Buchführungsvorschriften würden gerade die stark betroffenen Unternehmen zum Handeln gezwungen. Zu diesen Firmen zählt Goldman Sachs hierzulande Lonza mit einem Pensionsdefizit von 21 Prozent, Georg Fischer mit 20 Prozent, Swiss Life mit 63 Prozent sowie Bâloise und Clariant mit je 23 Prozent.
Vermutlich tragen erst wenige Analysten in ihren Bewertungsmodellen den kommenden Umstellungen bei den Buchführungsvorschriften nach IFRS Rechnung. Viele Experten werden deshalb in den kommenden Monaten wohl mit dem Rotstift über ihre Gewinnschätzungen gehen müssen, was meines Erachtens nicht ohne Folgen für die Aktienkursentwicklung der betroffenen Unternehmen bleibt.
