Jürgen Stark ist kein Freund der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB), und er tut dies bei seinen zahlreichen Vorträgen auch ohne Schnörkel kund. Dabei war Stark von 2006 bis 2011 Chefökonom der europäischen Notenbank. Er trat vor drei Jahren zurück, weil er das Verhalten der EZB in der Eurokrise nicht mehr mittragen wollte.

Stark anerkennt zwar, dass die EZB die Lage in Europa hat beruhigen können. Doch die Ruhe ist laut Stark trügerisch. Das Stichwort heisst Bankenunion. Am 4. November übernimmt die EZB die zentrale Aufsicht über rund 130 Banken. Die Bankenaufsicht soll verhindern, dass Institute mit riskanten Geschäften ganze Staaten in den Abgrund reissen und damit Gefahren für die gesamte Eurozone heraufbeschwören.

Derzeit läuft bereits eine dreistufige Überprüfung der Banken. Mit dem Fitnesscheck will die EZB Risiken in den Bilanzen aufspüren, ehe sie die zentrale Aufsicht übernimmt. "Die Märkte haben zu Recht die Erwartung, dass dies ein ernsthafter Test sein muss", sagt Jürgen Stark im Video-Interview mit cash.ch am Rande des Institutional Money Kongresses in Frankfurt.

Die "Asset Quality Review" und der Stresstest würden zu einer gewissen Zahl von Banken führen, was den Rekapitalisierungsbedarf der einzelnen Bankensysteme in den Ländern des Währungsgebietes betreffe. "Diese Zahl muss eine glaubwürdige Zahl sein", betont Stark.

Nochmals ein Griechenland-Theater?

Das Jahr 2014 könnte aber auch dahingehend ein kritisches Jahr für den Euroraum werden, weil man erneut ein Refinanzierungsbedarf Griechenlands sehe. "Griechenland dürfte weit davon entfernt sein, sich aus dem Programm, das seit 2010 läuft, zu verabschieden", sagt Stark im Video-Interview.

Griechenland wird vom Internationalen Währungsfonds, der Europäischen Zentralbank und der EU mit insgesamt 240 Milliarden Euro gestützt. Im Gegenzug muss das Land Spar- und Reformauflagen erfüllen, gegen die es immer wieder Massenproteste gibt. Das zweite Kreditprogramm für Griechenland läuft Ende 2014 aus. Würden dem Krisenstaat erneut Schulden erlassen, wären anders als 2012 vor allem Steuerzahler in EU-Staaten betroffen.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble sagte kürzlich beschwichtigend, dass Griechenland zwar möglicherweise noch etwas Geld benötige. Einen Schritt wie vor zwei Jahren, als etwa Banken, Versicherungen und Fonds auf etwa die Hälfte ihrer Forderungen verzichten mussten, schloss er aber aus. Deutsche Medien wollen aber gerüchtehalber wissen, dass das deutsche Finanzministerium ein drittes Griechenland-Paket durchspiele. Dieses könne dem hoch verschuldeten Euro-Staat noch vor der Europawahl in Aussicht gestellt werden.

"Kein Staat darf die Eurozone verlassen"

In seinem Vortrag am Institutional Money Kongress ging Jürgen Stark mit der EZB-Politik wie gewohnt scharf ins Gericht. "Die EZB betreibt Wirtschaftspolitik und keine Geldpolitik", sagte Stark vor rund 300 Zuhörern. Zweck der EZB-Politik sei die eigentliche Rettung der Euro-Länder, um den Euro zu retten: "In Wirklichkeit geht es um den Zusammenhalt der Euro-Länder. Das heisst, kein Staat darf die Eurozone verlassen."

Mit ihren angewandten oder angedrohten Massnahmen wie dem Anleihekaufprogramm OMT drücke die EZB die Zinsen langfristiger Staatsanleihen, so Stark. Die Staaten können sich dann billiger finanzieren. Mit dieser monetären Staatsfinanzierung hat die EZB laut Stark ihr Mandat überschritten.

Die EZB habe nicht den Euro gerettet, sondern den Zusammenhalt der Eurozone, indem sie sich Zeit gekauft habe. Die EZB habe auch Funktionen übernommen, die falsche Sicherheit suggerierten und zu Interessenkonflikten führten. Die Folgen der kurzfristig ausgerichteten Geldpolitik der EZB blieben dabei unberücksichtigt und könnten zu erheblichen Marktverzerrungen und neuen Krisen führen, sagte Stark.

Gefahr der kalten Enteignung steigt

Als negative Folgen der Nullzinspolitik der EZB sieht Stark unter anderem die Gefahren, dass der Zins die Lenkungsfunktion verlieren und dass Fehlanreize für den Interbankenmarkt entstehen könnten. Ebenso steige die Gefahr der kalten Enteignung der Sparer - wegen der negativen Realzinsen - und Risiken für die Altersvorsorge.

Ferner könnte die Nullzinspolitik laut Stark zum verzögerten Deleveraging und Strukturanpassungen führen. Und ebenso verringere sich der Druck auf die Regierungen zur Sanierung der öffentlichen Finanzen.

 

Im cash-Video-Interview äussert sich Jürgen Stark auch zu möglichen Auswirkungen der Europaratswahlen auf die Märkte und wie sich Anleger im Null-Zins-Umfeld verhalten sollen.