Letzte Woche verzeichneten die Börsen Europas das grösste Wochenplus seit zwei Monaten. Auch in den USA stiegen die Kurse deutlich an.

Dennoch ist der Pessimismus über die Börsenentwicklung derzeit in den USA laut Berechnungen von Thomas J. Lee, einem Aktienstrategen von JPMorgan Chase, ausserordentlich gross. Er beruft sich dabei auf Umfragen der US-Anlegervereinigung «Association of Individual Investors» und auf «Investors Intelligence».

Sie messen die Haltungen von Newsletter-Autoren. Demnach ergibt sich das pessimistischste Bild der Anlegerhaltung seit dem Ende des letzten Bärenmarktes vor 18 Monaten. Zu ähnlichen Ergebnissen war vor kurzem ebenfalls die Investmentanalysegesellschaft «Investors Intelligence» gekommen.

Nur 29,4 Prozent der befragten Investmentberater bezeichneten sich in der Umfrage als Optimisten, während der Anteil der Bären auf zuletzt 37,7 Prozent anstieg.

Der September gilt traditionell als ein besonders schwacher Monat für Aktien. Im Durchschnitt ergab sich in den letzten Jahrzehnten laut Analyst Lee ein Minus von einem Prozent. Seine Berechnungen fussen auf Daten der amerikanischen Leitindizes Dow-Jones-Industrial zwischen 1900 und 1927 und auf dem S&P-500 seit 1928 bis einschließlich heute.

Markt unterschätzt Wahrscheinlichkeit für einen Absturz

Neben Nassim Nicholas Taleb, dem Autor des Bestsellers «Der schwarze Schwan - Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse», erwartet zudem auch Titan Capital Group zunehmend einen Crash an den Märkten. Der Hedgefonds aus New York, der rund 400 Milllionen Dollar verwaltet, hat seine Wetten auf extreme Marktbewegungen erhöht.

Zur Begründung hiess es, die Erwartungen der Investoren zur Konjunkturentwicklung würden immer gegensätzlicher. Mit seinem wichtigsten Fonds, der heftige Kursschwankungen ausnutzt, konnte Titan im Mai parallel zum damaligen Rückgang der Aktienkurse bereits ein Plus von rund 21,6 Prozent erzielen.

Der Markt unterschätzt die Wahrscheinlichkeit für einen Absturz, sagte Titan-Gründer Russell Abrams in einem Interview mit Bloomberg News. Seiner Meinung nach zeichnen die Entwicklungen bei Treasuries, deutschen Staatsanleihen und dem japanischen Yen ein düstereres Bild vom weiteren Verlauf der Wirtschaft als der US-Aktienmarkt vorwegnimmt.


Ex-Aktienderivate-Chef von Merrill Lynch warnt

«Sie zeigen ein viel gefährlicheres Umfeld an als das, woran Aktieninvestoren glauben», sagte Abrams, der frühere Co-Chef für den Handel von Aktien-Derivaten bei Merrill Lynch. «Entweder wird es eine grosse Bewegung am Anleihemarkt oder aber am Aktienmarkt geben. Die aktuelle Situation befindet sich nicht im Gleichgewicht.»

Mit Blick auf Deutschland sind die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg zumindest vorsichtig optimistisch. «Die deutschen (Konjunktur-)Daten dürften eine Fortsetzung der positiven Daten zeigen und somit in der Tendenz eher das Szenario einer fortgesetzten Erholung untermauern. Damit bietet sich dem DAX durchaus die Chance, sich in kleinen Schritten etwas weiter von der gerade erst zurückeroberten 6000-Punkte- Marke abzusetzen», schreiben sie in ihrem aktuellen Wochenausblick.

Ein wirkliches Abkoppeln des deutschen Marktes von internationalen Trends hält die Landesbank aber weiterhin für wenig wahrscheinlich. Konkret heisst es: «Insofern dürfte bei aller Euphorie um die deutschen Veröffentlichungen weiterhin die latente Angst vor einem US-Double-Dip-Szenarios mitschwingen. Das Aufwärtspotenzial bleibt mithin vorerst limitiert.»

(Bloomberg)