cash: Schweizer Firmen untersagen mittlerweile ihren Mitarbeitern die Begrüssung per Handschlag. Die Angst vor der Grippepandemie ist allgegenwärtig. Wie sehen Sie die Lage?
William Burns:
Wir haben auf globaler Ebene die ersten Feuerwehrübungen gesehen. Die Schweinegrippe H1N1, die ursprünglich in Mexiko ausgebrochen ist, ist zu einer Pandemie geworden, die für Menschen tödlich sein kann. Die gute Nachricht trotz alledem: Bis heute ist die Pandemie verhältnismässig schwach verlaufen. Nichtsdestotrotz müssen wir uns weiter Gedanken machen, was nächsten Winter passiert, inwiefern sich der Virus verändert und dadurch gefährlicher wird.

Roche macht Milliarden mit den Verkäufen des Grippemittels Tamiflu. Darum müssen Sie ja weiter warnen.
Das ist nicht richtig. Tamiflu war für uns eine «Wildcard». Als wir das antivirale Medikament entwickelt haben, hofften wir darauf, dass die Gesellschaft besser für die Behandlung normaler Grippefälle gerüstet ist. Noch immer sterben jährlich 40000 bis 50000 Menschen an Grippe in Europa. Jetzt hat sich gezeigt, dass die Behörden allein der Grippe nicht Herr werden können. Was die Pandemie betrifft, sind wir bereit zu liefern, was gebraucht wird. Wir arbeiten eng mit der WHO in Genf und Gesundheitsbehörden wie derjenigen in der Schweiz zusammen.

Tamiflu-Verkäufe sorgen mittlerweile für ein Drittel des Umsatzwachstums von Roche. Kritische Stimmen sagen, dass sich bei den Virenstämmen vermehrt Resistenzen bilden. Wenn das Grippemittel seine Wirksamkeit verliert, ist Ihr Wachstumstreiber in Gefahr.
Fakt ist: Ohne Tamiflu haben wir im ersten Halbjahr 2009 den globalen Markt punkto Wachstum übertroffen. Das Grundgeschäft unseres Konzerns ist also in sehr guter Verfassung. Als Tamiflu dann zum grossen Thema wurde, haben wir ausgeliefert. Tatsächlich besagt unsere Guidance, dass wir 2009 mit Tamiflu zwei Milliarden Franken einnehmen werden. Wir haben den Analysten und Investoren empfohlen, dies in ihre Berechnungen miteinzubeziehen. Und vergessen Sie nicht: Wir sind die Nummer 1 weltweit in der Krebsmedizin.

Dann halten Sie an der besagten Guidance für die Tamiflu-Umsätze fest?
Ja, das tun wir.

Novartis-Chef Daniel Vasella will Roche nun vom Sockel des Marktführers in der Onkologie stossen. Roche-CEO Severin Schwan dagegen sieht Roche noch über Jahre als unangefochtene Nummer 1 in der Krebsmedizin. Warum sind Sie überzeugt, dass Sie den Konkurrenten Novartis weiterhin in Schach halten können?
Ich betrachte Novartis nicht als Konkurrenten. In der Schweiz funktioniert das Nebeneinander zweier sehr erfolgreicher Weltklasse-Pharmakonzerne doch ausserordentlich gut (grinst).

Hält Roche an der Prognose 2009 für die Umsatzzunahme im hohen einstelligen Prozentbereich für die Pharma-Sparte fest?
Diese Guidance, die wir mit unserem Halbjahresergebnis Mittel Juli gegeben haben, ist nach wie vor intakt. Das kann ich hiermit voll bestätigen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wie schwer fällt es Dr. Burns, nach so erfolgreichen Produktlancierungen wie etwa Avastin, das Zepter aus der Hand zu geben?
Wahnsinnig stolz bin ich auf die Leistungen der gesamten Roche-Organisation. Ich hatte das Privileg, die Pharmadivision während acht Jahren zu leiten. Wir haben es geschafft, unseren Umsatz zu verdoppeln, die operativen Gewinnmargen zu steigern, beim Reingewinn zuzulegen. Und wir haben mächtig viel Arbeit in die Entwicklung von Schlüsselprodukten für die Menschheit gesteckt. Dies alles aus der Hand zu geben ist ziemlich hart.

Sie bleiben dem Konzern aber weiterhin treu?
Natürlich bin ich erfreut über meine Nomination für den Roche-Verwaltungsrat. Wenn es die Generalversammlung wünscht, werde ich mich Anfang 2010 um die Aktionäre kümmern. Ich bleibe also weiter dem Pharmakonzern erhalten.