Mitte Dezember 2015 hob die US-Notenbank Fed erstmals seit der Finanzkrise den Leitzins. Die Fed-Funds-Rate wurde um 0,25 Prozentpunkte auf eine Spanne zwischen 0,25 und 0,50 Prozent angehoben. Die Finanzmärkte hatten mit dieser Entscheidung gerechnet. Doch werden die Aktienmärkte runtergespült: Der Swiss Market Index (SMI) hat seither 8 Prozent eingebüsst, der Dow Jones tauchte gar 10 Prozent.

"Im Nachhinein denken wohl viele Investoren, dass der US-Zinsanstieg ein Fehler war", sagt Nariman Behravesh, Chefökonom der US-Consultingfirma IHS, im cash-Talk am WEF in Davos. Aber im Dezember habe man die Börsenunruhen noch nicht vorausgesehen, da die Märkte relativ stabil waren. Behravesh denkt nicht, dass der US-Zinsanstieg der Auslöser für die Börsen-Baisse war. Der vor allem von US-Medien oft interviewte Ökonom sieht andere Faktoren, allen voran das mangelnde Vertrauen der Investoren in die Entscheidungsträger.

Zwar gehören die Exponenten der Notenbanken auch zu diesen Entscheidungsträgern. In erster Linie meint Behravesh aber die Regierung Chinas. Die versuche immer wieder, mit teils ungeschickten Eingriffen die Kontrolle über die Aktienmärkte zu erlangen. Das erweise sich letzten Endes aber als kontraproduktiv, und das nage am Vertrauen der Aktien-Anleger.

Insgesamt hält Behravesh den seit Wochen anhaltenden Absturz an den Börsen für übertrieben: "Die Fundamentaldaten in den USA, in Europa, ja gar in China sind nicht so schlimm." Der gegenwärtige Pessimismus der Märkte sei deshalb nur sehr schwer zu verstehen. Was aber nicht heisse, dass die Börse nicht noch tiefer gehen könne. Im Gegenteil: "Die Aktienmärkte könnten nochmals 10 Prozent fallen, werden sich danach aber auch wieder erholen", meint Behravesh.

Ölpreis auf 20 Dollar?

Eng mit den grossen Volatilitäten der Aktienmärkte verbunden ist auch die angespannte Lage am Ölpreismarkt. Am Mittwoch hatten die beiden wichtigsten Ölsorten Tiefstände wie im Jahr 2003 erreicht. Der Grund: Die Versorgung der Welt mit Rohöl ist wesentlich grösser als die nachgefragte Menge. Am Mittwoch war dies durch neue Lagerdaten aus den USA bestätigt worden. Das private American Petroleum Institute (API) meldete einen weiteren Anstieg der sehr gut gefüllten Öllager.

"Der Ölpreis kann sicherlich noch weiter nach unten gehen, das ist ausser Frage", meint Behravesh. Die Geopolitik im Mittleren Osten sei der Hauptauslöser. Saudi-Arabien wolle keine Marktanteile verlieren, weshalb das Land trotz Überangebot noch mehr produziere. Und die Iraner ziehen laut Behravesh, wobei Amerika keine Anstalten macht, Fördermengen zu reduzieren. 

Das bedeutet, dass es ein massives Überangebot an Öl gibt, was Preissenkungen zur Folge hat. "Die Preise könnten eine Zeitlang bis auf 20 Dollar fallen", ist Behravesh überzeugt. Falls das passiere, werde es aber in gewissen Ländern sicherlich zu Reduktionen in der Öl-Produktion kommen: "Wahrscheinlich in den USA, was den Öl-Markt dann einbrechen liesse."

Deshalb sieht Beravesh einen solch tiefen Ölpreis nur für kurze Zeit, bis Ende Jahr prognostiziert er einen Preis von über 30 Dollar. Das wäre mehr oder weniger das Niveau von heute: Die Preise der Sorten Brent und WTI betragen aktuell etwas mehr als 28 US-Dollar je Barrel. 

Im cash-Talk sagt Behravesh ausserdem, ob er als Investor momentan zuwarten oder in Aktien einsteigen würde, wann er den nächsten US-Zinsschritt erwartet und welches Chinas grösste kurzfristige Sorge ist.