Mehr als die Hälfte aller US-Bundesstaaten hat bereits entschieden, welchen Republikaner sie am liebsten als Kandidaten in die Präsidentenwahl am 8. November schicken würden. John Kasich stand erst einmal ganz oben auf dem Treppchen. Das ist nichts im Vergleich zu Donald Trump, der bislang 19 Mal triumphierte. Und doch ist der Gouverneur von Ohio über Nacht zur letzten Hoffnung der republikanischen Elite im Kampf gegen eine Nominierung des Milliardärs aus New York geworden.

Nach Marco Rubios Rückzug ist Kasich der einzige verbliebe Vertreter des moderaten Parteiflügels im Rennen um die Kandidatur. Viele führende Republikaner sind immer noch überzeugt, dass eine Wahl gegen die Demokraten nur zu gewinnen ist, wenn man auch die politische Mitte erreicht. Mit dem oft provokant auftretenden Trump oder dessen bislang erfolgreichsten Rivalen, dem erzkonservativen Senator Ted Cruz, ist das nach ihrer Auffassung nicht zu schaffen.

Den entscheidenden Schub bekam Kasich bei den Vorwahlen am Dienstagabend. Der 63-Jährige siegte in seinem Heimatstaat Ohio und verdoppelte dadurch auf einen Schlag seine Delegiertenzahl. Auf dem Papier liegt er damit zwar immer noch weit hinter Trump. Es ist auch praktisch aussichtslos, dass er bis zum Ende des Vorwahlmarathons am 7. Juni die für eine sichere Nominierung nötige Delegiertenmehrheit erreicht.

Doch so lange Kasich im Rennen bleibt, könnte er zur Gefahr für Trump werden. Darauf spekuliert Kasich. Erreicht nämlich keiner der Bewerber die nötige Schwelle von 1237 Delegierten, fällt die Entscheidung beim Parteitag in Cleveland im Juli. Und hier rechnet sich der gut vernetzte Kasich durchaus Chancen aus: "Wir werden die ganze Strecke bis Cleveland gehen und die Nominierung sichern."

Ein früherer Investmentbanker

Anders als dem Politik-Aussenseiter Trump und dem wegen seiner Nähe zur Tea-Party-Bewegung umstrittenen Cruz trauen viele im Establishment der Republikaner dem Polit-Veteran Kasich zu, das Weisse Haus zurückzuerobern. Sie verlassen sich in erster Linie auf seine Erfahrung, die bis Ende der 1970er Jahre zurückreicht, als er als 26-jähriger in den Senat von Ohio einzog.

Es folgten 18 Jahre als Kongressabgeordneter in Washington. Nach mehreren Jahren Auszeit als Investmentbanker kehrte Kasich 2010 auf die politische Bühne zurück mit seinem Sieg bei der Gouverneurswahl in Ohio. Vier Jahre später wurde er mit grosser Mehrheit im Amt bestätigt. "Man schaut sich diesen Kerl an, und anders als die anderen Bewerber hat er eine echte Erfolgsbilanz", sagt Mitt Romney, der republikanische Kandidat von 2012. So jemanden wolle man in Washington sehen.

Kasich ist aber auch bewusst, dass eine zu grosse Nähe zur Parteielite ihm nicht nur Pluspunkte bringt. Die Vorwahlen haben gezeigt, dass an der Basis gerade bei den Republikanern die Wut über die Politiker in Washington dominiert. Viele Wähler trauen ihnen nicht und haben das Gefühl, dass der Traum von Wohlstand für sie längst geplatzt ist. Trump profitiert davon mit seinem Versprechen, Amerika wieder gross zu machen. Kasich stellt sich deshalb gerne als Politiker dar, der "Mauern einreisst" und dann von innen heraus reformiert.

Fasst auch heisse Eisen an

Inhaltlich scheut er sich dabei durchaus nicht, auch heisse Eisen anzufassen. In Ohio etwa baute er das System der Krankenversicherung aus, und das im Rahmen der bei vielen Republikanern verhassten Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama. Kasich sagt, zum Wohle der ärmeren Amerikaner sei dies die richtige Entscheidung. Er akzeptiert die Homo-Ehe, betont aber im Wahlkampf, wie wichtig der Glaube an Gott sei. Er ist dafür, den Status von Einwanderern ohne Aufenthaltsgenehmigung zu legalisieren. Aber er ist auch für den Bau eines Zauns an der Grenze zu Mexiko.

Die "New York Times" bescheinigte ihm im Januar Kompromissfähigkeit und sah ihn auch deshalb als besten Bewerber der Republikaner. Sein Sieg in Ohio dürfte ihm weitere Spendengelder einbringen. Womöglich reicht das Momentum für Siege in wichtigen Bundesstaaten, etwa Pennsylvania und Kalifornien, wo er bereits jetzt in Umfragen gut dasteht.

Doch wenn Trump weiter so absahnt wie bisher, dürfte es sich mancher im Establishment genau überlegen, ob er Kasich wirklich gegen den Willen der Basis durchdrückt. Trump warnt bereits: Sollte ihm die Kandidatur verweigert werden, werde es Ausschreitungen geben: "Ich repräsentiere viele, viele Millionen Menschen."

(Reuters)