cash: Jean-Claude Biver, keine 24 Stunden nach unserer Interview-Anfrage sitzen wir hier in La Chaux-de-Fonds in der Uhrenfabrik Tag Heuer zum Gespräch. Bei Ihnen gehts immer schnell…

Jean-Claude Biver: Die Geschwindigkeit ist eine wichtige Komponente des Erfolges, auch bei Firmen. Früher waren das Geld oder Macht, heute ist es die Geschwindigkeit. Das wird noch immer unterschätzt. Ob Kunden, Mitarbeiter, Journalisten oder Lieferanten: Ich reagiere bei allen gleich schnell.

Sie sind immer erreichbar und auf Zack. Waren Sie schon immer so?

Ja. Ich habe eine gute Gesundheit. Und ich bin immer mit Leidenschaft dabei. Das ist ein grosser Unterschied zu alltäglicher Arbeit. Daher stehe ich manchmal um 3 Uhr morgens auf. Ich muss nachschauen, was in der Nacht passiert ist. Ich bin neugierig.

Damit Ihnen die Zeit nicht davonläuft, nehmen Sie bisweilen den Helikopter. Ist er auch ein Statussymbol?

Nein. Dann wäre ich arrogant und müsste in den Ruhestand. Wissen Sie: Das Problem des Erfolges ist, dass er Bequemlichkeit mit sich bringt. Gewöhnt man sich an die Bequemlichkeit, wird man arrogant. Dann können Sie eine Firma verkaufen und ein neues Management einstellen.

Irgendwie üben Sie eine Faszination auf die Leute aus. Warum?

Ich bin 40 Kilo zu schwer… (lacht) Im Ernst: Ich bin 1,84 Meter gross, spreche laut, ich bin authentisch und drücke mich ohne viel Hemmungen aus. Ich versuche, die Wahrheit zu sagen. Dann wollen Ihnen die Menschen zuhören.

Sie sind nicht nur ein guter Marketing-Mann für Ihre Produkte, Sie sind selber schon ein Produkt.

Dessen bin ich mir bewusst, und ich setze das auch ein. Als wir bei der Uhrenmarke Hublot kein Geld hatten, sagten wir uns: «Jetzt nehmen wir den Biver als Botschafter. Der ist ja gratis.»

Sie waren in den 1960er-Jahren Teil der Hippie-Bewegung. Wir haben etwas Mühe, uns das vorzustellen.

Ich habe zwar die Haare verloren, nicht aber das Herz. Wir assen Bio-Food und glaubten an die Liebe. Das Lied «All you need is love» von den Beatles hat uns bewegt. Was ist Liebe, fragten wir uns. Liebe heisst meiner Ansicht nach teilen: den Erfolg, den Misserfolg, das Wissen, die Visionen. Teilen ist ein Akt der Liebe. Zweitens: Liebe heisst verzeihen. Man soll Fehler verzeihen. Man sollte aber nicht zweimal denselben Fehler machen, sonst lernt man ja nichts. Drittens: Liebe heisst Respekt, gegenüber den Konkurrenten oder den Lieferanten.

Würden Sie den Managern ein wenig Hippietum empfehlen?

Natürlich. Moralisches Benehmen ist ein Plus. Kurzfristig kann man Erfolg haben ohne Ethik, langfristig nicht. Sie sehen das bei Volkswagen oder der Fifa: Eines Tages landet man an der Mauer. Ich würde in den Schulen Ethik auch als Unterrichtsfach einführen.

Sie kamen ja als zehnjähriger Bub mit Ihrem Bruder aus Luxemburg in ein Schweizer Internat. Welche Erinnerung haben Sie daran?

In Erinnerung habe ich das Knirschen der Steine, als das Auto wegfuhr. Ich erinnere mich, dass mein zwei Jahre jüngerer Bruder weinte. Um ihn zu trösten, habe ich mit ihm Tischtennis gespielt. Ich musste mich also plötzlich um meinen Bruder kümmern. Das war wohl einer meiner ersten Schritte als Manager. In Erinnerung habe ich auch den Genfersee. Da habe ich gewusst: Das ist meine Heimat.

1982 kauften Sie zusammen mit einem Kollegen die Markenrechte an Blancpain für 22 000 Franken. Zehn Jahre später verkauften Sie die Uhrenmarke für 60 Millionen Franken an den Swatch-Vorläufer SMH.

Das habe ich eine Zeitlang bereut. Ich hatte den Eindruck, dass ich meine Mitarbeiter verkauft hatte. Der Erfolg war ja nicht bloss meiner allein, sondern der eines ganzen Teams. Dank des neuen Jobs bei Omega kam ich dann darüber hinweg.

2003 verliessen Sie Omega und kauften 20 Prozent der defizitären Hublot, die 2008 nach rasantem Wachstum an den französischen ­Luxusgüterkonzern LVMH für 496 Millionen Franken verkauft wurde.

Ich selber hätte 200 Millionen Franken für Hublot geboten, aber 500 Millionen wie LVMH konnte ich nicht auf den Tisch legen. Da habe ich den Hauptaktionär begriffen, dass er sich für LVMH entschieden hat. Bei Blancpain war ich mit dem Verkauf einverstanden. Bei Hublot hätte ich lieber nicht verkauft.

Sie bewiesen aber in beiden Fällen eine Spürnase: billig gekauft, teuer verkauft. Sie wären der perfekte Börsenhändler…

Nein, dann hätte ich nicht die Kontrolle. Wenn ich zum Beispiel eine Actelion-Aktie kaufe, dann kann ich bloss hoffen, dass es die Firma richtig macht. Aber beim Kauf einer Uhrenmarke sitze ich im Boot.

Ihr Vermögen wird auf mindestens 150 Millionen Franken geschätzt. Was bedeutet Ihnen Geld?

Geld bedeutet mir Freiheit. Das braucht der Mensch, zusammen mit Gesundheit und Liebe. Die Gesundheit haben mir meine Eltern geschenkt, die Liebe meine Frau und meine Familie. Ich bin aber der Meinung, dass wir alles zurückgeben müssen, bevor wir sterben. Je mehr Privilegien man erhält, desto mehr muss man zurückgeben.

Wie legen Sie Ihr Geld an?

Ich lege das Geld kaum an. Ich halte fast alles in Cash. Klar, ich habe auch Aktien von Nestlé, Roche oder Novartis. Ich liebe Schweizer Firmen und glaube an gute Geschäftsmodelle. Vorletztes Jahr war ich zum Beispiel bei Google in Kalifornien. Als ich zurückkam, habe ich meine Bank angerufen und ihr den Auftrag erteilt, Google-Aktien zu kaufen. Denn ich bin überzeugt, diese Aktien werden in den nächsten zehn Jahren steigen.

Verfolgen Sie die Märkte?

Natürlich. Der Börsenverlauf spielt eine grosse Rolle für die Luxusgüterindustrie wie auch der Schweizer Franken und Edelmetalle. Ich schaue jeden Tag auf die Leitindizes der Aktienmärkte, auf den Goldpreis und auf die Währungen.

Obwohl die Aktie von Swatch ­kotiert ist, bezeichnet Swatch-CEO Nicolas Hayek die Börse als Casino. Sind Sie gleicher Meinung?

Kurzfristig kann die Börse durchaus ein Casino sein. Aber auf langfristige Sicht, glaube ich, bildet die Börse die Realität ab. Die Wahrheit kommt eines Tages immer heraus. Bei Börsenengagements sollte man einen langen Atem haben.

Im Herbst hat Hublot in Nyon eine neue Fabrik eröffnet. Warum setzen Sie so stark auf die Schweiz?

Sie könnten heute nirgendwo auf der Welt eine teure Uhr verkaufen, die nicht  «Swiss made» wäre. Das ist ein Begriff. Wir haben in der Jurakette auch ein ganzes Netz der Uhrenindustrie: Zifferblatthersteller, Zeigerproduzenten und so weiter. Schliesslich haben wir in der Schweiz auch Kompetenzen. Gute Uhrmacher finde ich in Paris nicht.

Wie sehen Sie die Wirtschafts­entwicklung der Schweiz?

Die ist hervorragend. Wir hatten ja selbst dann noch Wachstum, als es Europa schlecht ging. Der Vorsprung der Schweiz bleibt, weil wir andere Strukturen haben, weil die Schweizer fleissig sind, treu, gebildet, innovativ,  kreativ. Schauen Sie sich Schindler an. Die Firma gehört zu den weltweit grössten Liftherstellern. Dabei hat die Schweiz nur ein Gebäude, das knapp mehr als 40 Stockwerke hat. Die Schweiz ist eine klassische Exportnation. Wir sind es auch gewohnt, Ausländer zu integieren. Wir machen die Ausländer reich und sie uns. Die Schweiz ist politisch nie links oder rechts. Wir bauen auf den Konsens.

Dennoch: Sollte die Schweiz auf lang­fristige Sicht nicht der EU beitreten?

Ich denke nicht. Daran könnte man allenfalls denken, falls die EU nach dem Prinzip des Föderalismus gebaut wäre. Aber das ist nicht der Fall. Es gibt keine Einheit bei Steuern und Finanzen. Der Euro ist gut für die Deutschen, nicht aber unbedingt für die Portugiesen oder Griechen.

Die Schweizer Uhrenindustrie ist mit der Digitalisierung konfrontiert. Tag Heuer hat selber eine Smartwatch auf den Markt gebracht. Steht die ­Industrie an einem ähnlichen Scheide­weg wie in den 1970er-Jahr­en?

Nein. Smartwatchs können nur einen Teil der Schweizer Uhrenindustrie angreifen, nämlich das Preissegment zwischen 200 und 1500 Franken. Uhren, die 5000 Franken und darüber kosten, werden ja nicht primär deshalb gekauft, um darauf die Zeit ablesen zu können. Dafür braucht man eine billige Uhr oder das Telefon…

Eben. Die klassische Uhr braucht es doch in vielleicht 30 Jahren nicht mehr.

Apple ist die grösste Hilfe, dass dies nicht eintreffen wird. Apple sagt den jungen Leuten: Du brauchst ein Telefon, aber du brauchst auch etwas am Handgelenk. Apple ist mit seiner Smartwatch drauf und dran, der grösste Uhrenhersteller der Welt zu werden. Wenn man die Wichtigkeit der Smartwatch nicht erkennt, dann hat man ein echtes Problem. Über dem Preissegment einer Smartwatch kauft man dagegen Prestige, Träume, Exklusivität. Mit 20 Jahren kauft man sich eine Smartwatch, mit 35 Jahren dann eine Traditionsuhr.

Wie wird sich der Umsatzanteil an Smartwatchs und traditionellen ­Uhren in der Schweiz entwickeln?

Wir exportieren heute Uhren im Wert von 22 Milliarden Franken. 80 Prozent davon sind im Preissegment über 2000 Franken. Dieser Anteil wird bleiben. Was darunter ist, kann zerstört werden. Aber genau das ist die Basis, auf die wir bauen sollten. Wenn wir diese Basis verlieren, geht die ganze Pyramide verloren. Deshalb hatte Nick Hayek auch die Swatch eingeführt. Wir haben bislang keine nationale Antwort auf die Smartwatch.

Ihr ältester Sohn lebt seit langem in China und ist verantwortlich für die Uhrensparte von LVMH für China, Hongkong und Taiwan. Wird er den Biver-Geist weitertragen?

Definitiv. Er ist auf verschiedenen Gebieten besser als ich. Er ist schneller.

Das geht ja gar nicht…

(lacht) Doch! Ich schickte ihn für zwei Jahre nach China, weil er ein Faulenzer war. Es war brutal, die ganze Familie war damals dagegen. Aber er ging und lernte sechs Stunden pro Tag Chinesisch. Das war der Wendepunkt.

Was machen Sie in zehn Jahren?

Dann werde ich 77 Jahre alt sein und möchte noch drei Jahre arbeiten. Klar, der Körper wird alt, «so what»? Aber wenn ich den Kopf und das Herz dazu habe, möchte ich weitermachen. Leidenschaft und Liebe gehen nicht in den Ruhestand.

Jean-Claude Biver (rechts) im Gespräch mit cash-Chefredaktor Daniel Hügli (links) und cash-Redaktor Ivo Ruch.

Dieses Interview ist Teil des am 3. Februar 2016 publizierten cash-Anlegermagazins «VALUE». Dort erfahren Sie auch viel Wissenswertes über Aktien: lohnende Langfristanlagen, sechs Anlagestrategien, Tipps zu ETF.

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