Es ist nicht der regionale Erzfeind Iran, nicht ein wiedererstarkter Irak und auch nicht der langjährige Konkurrent Russland. Die Antwort ist viel einfacher: Es sind die Lagerbestände. Selbst wenn die Überproduktion aufhört, wird ein Lagerüberschuss von mehr als einer Milliarde Barrel die Preise drücken. Die Bestände, die seit 2014 aufgebaut wurden, werden bis Ende 2017 weiter wachsen, prognostiziert die Internationale Energieagentur. Sie aufzulösen könnte Jahre dauern. 

“Es könnte sein, dass wir am Jahresende ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage erreichen, aber der Markt sagt ’Na und?’", erklärt Mike Wittner, Leiter Ölmärkte bei Societe Generale in New York. “Der Markt wartet auf Belege für einen Lagerabbau. Es dürfte nicht ausreichen, dass nur der Lageraufbau aufhört." 

Verheerende Strategie

Seit Saudi-Arabien Ende 2014 öffentlich machte, dass es die überversorgten weltweiten Ölmärkte wieder ins Gleichgewicht bringen will, indem es Wettbewerber mittels Niedrigpreisen aus dem Markt drängt, hat sich diese Strategie als verheerend erwiesen. Im Februar fiel der Rohölpreis unter 30 Dollar je Barrel. Zwar deutet ein allmählicher Rückgang der US-Produktion an, dass das Angebot bald nicht mehr weiter wachsen wird. Doch der zweite Teil des Prozesses dürfte sich als der längste erweisen, da die Lager nur langsam abgebaut werden. 

Als historisches Beispiel verweist Goldman Sachs auf die Ölschwemme, die sich zwischen 1998 und 1999 aufbaute, als die Nachfrage im Gefolge der asiatischen Finanzkrise einbrach. Die Rohölnotierungen fielen weiter, obwohl die OPEC- Länder im März und erneut im Juni 1998 ihre Förderung drosselten. Im darauffolgenden Dezember fielen die Preise in London unter zehn Dollar pro Jahr. Erst als Anfang 1999 die Lagerbestände in den entwickelten Ländern anfingen zurückzugehen, fasste die Erholung Tritt. 

Zwischen Ende 2014, als die Lagerbestände in der entwickelten Welt etwa auf Durchschnittsniveau waren, und dem Ende dieses Jahres werden die weltweiten Lager um rund 1,1 Mrd. Barrel angeschwollen sein, wie Daten der IEA zeigen. Weitere 37 Mio. Barrel werden 2017 hinzukommen. Wenn man die Prognosen der Agentur zum Lagerabbau in den Folgejahren und Schätzungen von Energy Aspects zugrundelegt, dass 290 Mio. Barrel in die strategischen Reserven Chinas fliessen werden, wird es bis 2021 dauern, bis die angesammelte Menge wieder abgebaut ist. 

“In den acht Quartalen vor dem aktuellen hatten wir weltweit implizite Lagerzuwächse, haben also viel Öl angesammelt", sagt Harry Tchilinguirian, Leiter Strategie Rohstoffmärkte bei BNP Paribas SA in London. “Es wird sehr lange dauern, dieses überschüssige Öl aus dem System herauszubekommen." 

Die fehlenden Barrel

Nach Meinung des Wiener Beratungshauses JBC Energy allerdings könnten die Lagerbestände bereits in diesem Sommer sinken, weil der Rückgang der amerikanischen Schieferölproduktion wohl stärker ausfalle als weithin angenommen. JBC zufolge könnte sich der Ölpreis bereits im Juni auf 50 Dollar je Barrel erholen. Laut Standard Chartered Plc ist ein grosser Teil des Zuwachses, den die IEA für das vierte Quartal 2015 geschätzt hat, nicht wirklich in den Lagern angekommen. Das deute darauf hin, dass der Überschuss geringer sei als gedacht, so die Bank.

“Die plausibelste Erklärung für den grössten Teil der fehlenden Barrel ist, dass es sie einfach nicht gibt"; sie seien wohl "Folge einer unterschätzten Nachfrage und eines überschätzten Angebots", erklärt Paul Horsnell, Leiter Rohstoff- Research bei Standard Chartered. "Das impliziert, das der weltweite Markt deutlich früher wieder ein Defizit aufweisen wird als es der Konsens erwartet." 

Saudi-Arabien bekräftigte letzte Woche, es werde die Herbeiführung eines neuen Gleichgewichts nicht durch eine Drosselung der eigenen Förderung beschleunigen. Zwar haben das Königreich und einige andere OPEC-Mitglieder mit Russland vereinbart, die Förderung auf dem aktuellen Niveau einzufrieren, aber eine koordinierte Reduzierung "gibt es nicht", sagte der saudische Ölminister Ali al-Naimi am 23. Februar auf der IHS CERAWeek-Konferenz in Houston.

Die Lagerbestände begannen 2014 anzuschwellen, als der US- Schieferölboom zusammen mit weiterer Zusatzförderung eine Angebotswelle auslöste, die das Nachfragewachstum um das Dreifache übertraf. Der Zuwachs setzte sich 2015 fort, als OPEC- Mitglieder wie Saudi-Arabien und Irak ihre Förderung anhoben, um ihre Marktanteile zu verteidigen. Ein weiteres Anwachsen ist zu erwarten, weil der Iran - seit Februar nicht mehr mit internationalen Sanktionen belegt - zusätzliches Öl in einen bereits gesättigten Markt pumpen wird. 

Da es einige Zeit dauern wird, bis die Öltanks weltweit geleert sind, fühlt sich Goldman Sachs in seiner Prognose bestärkt, dass die Preise "noch länger niedrig bleiben" werden. “Dem Markt wird es schwer fallen, höher zu handeln, auch wenn Angebot und Nachfrage wieder in eine Unterdeckung einschwenken", sagt Jeff Currie, Leiter Rohstoff-Research bei Goldman Sachs in New York. "Der Lagerbestandsüberhang dürfte bremsend wirken, solange bis sich die Vorratsbestände wieder normalisiert haben."

(Bloomberg)