Der Verfall des Ölpreises wird die Geldpolitik in der Euro-Zone in den kommenden Monaten fest im Griff haben.  Mit der Aufhebung von Sanktionen im Iran kommt nun an den Finanzmärkten die Sorge hinzu, die Islamische Republik könne mit der Ausweitung ihrer Produktion ein ohnehin schon bestehendes Überangebot noch verschärfen. Ökonomen gehen inzwischen davon aus, dass die Teuerung in der Euro-Zone in den nächsten Monaten erneut auf unter Null absacken wird. EZB-Chef Mario Draghi und seine Notenbank-Kollegen streben als Idealwert für die Konjunktur hingegen eine Teuerung von knapp zwei Prozent an.

Die zwei Seiten der Medaille

Für die EZB hat der Ölpreis-Verfall zwei Seiten: Zum einen stützt der niedrigere Preis die weltweite Konjunktur. Denn die Energiekosten der Unternehmen werden geringer, ihnen bleiben mehr Mittel für Investitionen. Auch Verbraucher haben durch die geringeren Tank- und Heizrechnungen grösseren finanziellen Spielraum. Auf der anderen Seite verlängert sich die Phase sehr niedriger Inflationsraten im Euro-Raum. Das Ziel der EZB rückt immer weiter in die Ferne. Und mit anhaltender Mini-Inflation - zuletzt lag sie im Dezember bei 0,2 Prozent - droht ein Abrutschen der Wirtschaft in eine gefährliche Abwärtsspiele aus fallenden Preisen, sinkenden Investitionen und Löhnen. Wie das Beispiel Japan zeigt, kann eine solche Deflation eine Wirtschaft für lange Zeit ausbremsen.

"Falls der Ölpreis in einer Spanne von 30 bis 35 Dollar bleibt, könnte die Inflation bald wieder negativ werden und dies für einige Monate bleiben", schätzt der Chefökonom der italienischen Grossbank Unicredit, Marco Valli. Die Währungshüter müssten ihre Inflationsprognose für 2016 dann auf nahe Null von bislang 1,0 Prozent kappen. Auch der Chefökonom Europa der Schweizer Grossbank UBS, Reinhard Cluse, erwartet in den nächsten Monaten einen Rückgang der Teuerung. Ihm zufolge kostet ein Ölpreisrutsch um zehn Prozent etwa 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte Inflationsrate.

Seit Jahresbeginn fiel der Preis für das Barrel Rohöl um 25 Prozent. Am Montag war die Nordseesorte Brent sogar unter 28 Dollar das Fass und damit auf den tiefsten Stand seit 2003 gerutscht. Die US-Investmentbank Goldman Sachs sagte kürzlich sogar ein Absacken auf 20 Dollar in diesem Jahr voraus. Zum Vergleich: Die EZB hatte im Dezember in ihren jüngsten Konjunktur- und Inflationsprognosen für 2016 noch einen Öl-Preis von 52,20 Dollar angenommen. Kommt es aber nicht bald zu einem Preisanstieg am Markt dürfte es ein frommer Wunsch bleiben, dass solche Niveaus bald wieder erreicht werden. Aus dem Iran könnte bald zusätzliches Öl auf den Markt fliessen: Die UBS erwartet, dass das Land bis Ende 2016 seine Produktion auf 3,6 Millionen Barrel pro Tag von zuletzt 2,9 Millionen Barrel erhöhen könnte.

Konsumenten erwarten steigende Preise

Manche Ökonomen halten allerdings das Deflationsargument für nicht zutreffend. Für Holger Schmieding von der Berenberg Bank besteht daher kein Handlungsbedarf für die EZB. Das billige Öl sei eher Segen als Fluch für die Euro-Zone. "Der Rückgang des Ölpreises führt nicht zu Kaufzurückhaltung, sondern zu mehr Käufen", ist sich Schmieding sicher.

Auch das Risiko, dass die EZB wegen einer niedrigen Inflation in den Augen der Verbraucher nicht mehr als Garant stabiler Preise taugt, ist laut einer Umfrage gering. In der vom Vermögensverwalter M&G Investments zusammen mit Marktforschern von YouGov erstellten Studie wurden die Inflationserwartungen in zehn Ländern unter die Lupe genommen. Demnach erwartet der Durchschnitt der Befragten in Deutschland, dass die Inflation in einem Jahr bei zwei Prozent liegen wird. Dies wäre eine Punktlandung für die EZB. "Die Deutschen lassen sich in dieser Erwartung auch nicht durch den niedrigen Ölpreis oder die aktuelle Teuerungsrate nahe null Prozent beirren", sagt M&G-Fondsmanager Wolfgang Bauer.

Wie weit die EZB von ihrem Inflationsziel entfernt bleibt, dürfte im März klar werden. Dann liegen den Währungshütern zur Zinssitzung neue Inflations- und Konjunkturprognosen ihrer Stäbe vor. Je grösser der Abstand zum Preisstabilitätsziel in den Prognosen ausfällt, umso mehr Gewicht dürften dann solche Stimmen im EZB-Rat erhalten, die sich für eine weitere Lockerung der Geldpolitik aussprechen.

Der frühere Bundesbank-Chef und jetzige UBS-Verwaltungsratschef Axel Weber hält das Vorhaben der EZB, binnen zwei Jahren die Inflation im Währungsraum wieder auf zwei Prozent zu treiben, für aussichtslos: "Das wird wahrscheinlich nicht möglich sein."

(Reuters)