cash: Der Schweizer Franken ist so stark wie seit den 90er-Jahren nicht mehr. Bleiben wir auf dem aktuellen Niveau oder ist das erst der Anfang einer Aufwertung?
Walter Wittmann: Der Trend wird weiter nach oben gehen. Es wird jedoch immer wieder Schwankungen geben, wenn der Franken überkauft ist und Spekulanten die Gewinne mitnehmen.
Wie weit führt dieser Trend nach oben?
Das kann man nicht sagen. Hier eine konkrete Zahl zu nennen, wäre unseriös.
Die Aufwertung kam rasch und brachte viele Schweizer Exportunternehmen in Bedrängnis. Muss sich die Schweizer Wirtschaft auch langfristig auf einen starken Franken einstellen?
Das muss man tatsächlich machen. Die Devisenkurse bewegen sich in 6- bis 7-jährigen Zyklen, und der aktuelle Trend zeigt abwärts. Der aktuelle Dollarkurs bewegt sich nahe an der Parität, ähnlich wie in den 90er-Jahren. Beim Euro ist es auch so: Wenn Griechenland, Irland oder ein anderes Land mit den Staatsfinanzen in Schwierigkeiten kommt, wechseln die Anleger von Euro in Franken. Das ist das Schicksal eines kleinen Landes mit einer starken Währung.
Ist ein starker Franken auf lange Sicht ein Nachteil oder ist es bloss die Geschwindigkeit der Aufwertung, die Probleme bereitet?
Natürlich hat die Schweiz hervorragende Produkte, welche auch zu einem teureren Preis noch gekauft werden. Dennoch hat der starke Franken auf Dauer negative Auswirkungen. Wenn der Euro 15 Prozent an Wert einbüsst, spüren das die Unternehmen bei den Aufträgen. Wer hat schon eine Gewinnmarge von 15 Prozent? Wenn der Exportmotor nicht funktioniert, fehlt der Schweiz die Dynamik. Eine Ausnahme ist die Bauwirtschaft: Dank den tiefen Hypothekarzinsen werden Wohnungen gebaut, dass es kracht. Hier wird eine Blase aufgebaut. Wenn diese Blase platzt, geht es wieder abwärts, wie bereits 1974 und ab 1990. Der Immobilienzyklus sollten wir im Auge behalten.
Sie rechnen mit Problemen am Schweizer Immobilienmarkt?
Wenn die Zinsen wegen der erlahmten Konjunktur weiter tief bleiben, werden Wohnungsbau und Hypotheken weiter forciert und die Blase wird grösser. Dass die Banken dies bestreiten, ist klar. Sie wollen Hypotheken vergeben. Auf die Banken sollte man deshalb nicht hören. Hören sollten wir nur auf die Nationalbank.
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat bis in diesem Sommer massiv am Devisenmarkt interveniert, sich seither aber zurückgehalten. Wären erneute Interventionen wünschenswert?
Ich halte nichts von erneuten Interventionen, das Risiko ist zu hoch und die Effekte verpuffen. Das Verhältnis von Euro zu Franken ist derart ungünstig, dass die SNB nur kurzfristig eingreifen kann. Den Trend kann sie nicht ändern. Es ist ähnlich, wie wenn ich an den Zürcher Bürkliplatz fahre und dort versuche, den Zürichsee leer zu trinken. Ursprünglich begann die SNB bei 1.50 Franken mit den Interventionen. Nun sitzt sie auf 130 Milliarden Euro und schreibt Verluste. Weiter aufstocken kann sie nicht. Ich habe neulich sogar gehört, dass die SNB Euro gegen Schweizer Franken verkauft.
Anleger flüchten in sichere Investments, die Renditen für Staatsanleihen sind im Keller. Sie haben ein Buch mit dem Titel «Staatsbankrott» geschrieben. Können Sie die starke Nachfrage nach Staatspapieren nachvollziehen?
Nachvollziehen kann ich das gut. Der Anleger sucht nach Sicherheit. Die Aktienmärkte haben sich dieses Jahr per Saldo nicht bewegt. Teilweise wurde auch wieder von Unternehmensanleihen in Staatsanleihen umgeschichtet. Wer jetzt aber noch 10-jährige Staatsanleihen zu 1,25 Prozent Rendite kauft, dem kann ich bei Gott nicht helfen. Das Geld belässt man lieber auf dem Konto, denn wenn die Zinsen wieder anziehen - und das werden sie in absehbarer Frist - crasht der Bondmarkt. Bereits in meinem letzten Buch schrieb ich von der Blase im Bondmarkt. Wenn die Zinsen steigen, wollen alle ihre Anleihen verkaufen, niemand will kaufen, und der Markt crasht.
Haben Sie in den letzten Monaten in Staatsanleihen investiert?
Ich habe keine Staatsanleihen. Ich halte Cash und bestimmte Aktien, sonst nichts. Meine letzte Staatsanleihe war eine kanadische Anleihe, welche ich in den 80er-Jahren kaufte. Wissen Sie, wie viel Zins ich dafür kriegte? 15,75 Prozent! Die Prime Rate in den USA war gar auf 18 Prozent, die Hypothekarzinsen in der Schweiz um 10 Prozent. Das sollte man nicht vergessen.
Auch beim Gold sehen Sie - zumindest auf kurze Sicht - wenig Aufwärtspotenzial. In welche Anlageklasse sollte man denn überhaupt noch investieren? Aktien?
Nein, im Moment kann ich auch Aktien nicht empfehlen. Es kann sein, dass die Kurse noch ein bis zwei Wochen getrieben werden, aber danach wird es zu einer Korrektur kommen. In den aktuellen Kursen ist eine Abschwächung des Wirtschaftswachstum zwar eingepreist, nicht aber eine zweite Rezession. Sollte sich eine zweite Rezession abzeichnen, kommt es zu einem Einbruch am Aktienmarkt. Geschieht das tatsächlich, wird es fantastische Kaufgelegenheiten geben. Im Moment würde ich aber auch bei Aktien nichts unternehmen.
Walter Wittmann (75) ist emeritierter Professor und Wirtschaftspublizist. Im Sommer 2010 erschien sein letztes Buch, «Staatsbankrott». Sein nächstes Buch, «Wohin treibt die Schweiz?», soll nächstes Jahr erscheinen.