cash: Herr Stiglitz, Sie waren schon unzählige Male am WEF. Wie ist die Stimmung in diesem Jahr?
Joseph Stiglitz: Ich würde die Entwicklung gerne über einen längeren Zeitraum betrachten. Die Stimmung vor 2008 war natürlich viel euphorischer. Ende der 90er Jahre herrschte eine grosse Euphorie über Globalisierung, Deregulierung, Technologie. Während der letzten Jahre ist diese Euphorie verflogen. Heute herrscht Besorgnis darüber, welchen Weg der Kapitalismus einschlägt.
Viele Firmenchefs am WEF hier in Davos sagen, Medien und auch Ökonomen wie Sie seien zu pessimistisch, was den Zustand und die Zukunft der Wirtschaft betrifft. Stimmt das?
Wir sind nicht zu pessimistisch. Einige Leute sind naürlich sehr optimistisch, viel optimistischer als ich. Da besteht eine Divergenz, und es gibt Gründe für diese unterschiedlichen Auffassungen. Für viele Politiker wie auch Geschäftsleute besteht ihr Geschäftsmodell darin, optimistisch zu sein. Sie wollen, dass die Leute sie wählen oder dass die Leute Sachen kaufen und konsumieren. Das führt, so glauben die Politiker und Geschäftsleute, zu Vertrauen und Erholung. Es wäre ja schön, wenn dem so wäre.
Ein weiterer Grund?
Schauen Sie, viele Grossunternehmen, die hier in Davos sind, operieren auf globaler Ebene. Sie verdienen all ihr Geld in den Schwellenländern. Klar, den Schwellenländern geht es gut, das bestreitet niemand. Aber das Thema ist die USA und Europa, und denen geht es ja nicht gut.
Die Federal Reserve hat ja diese Woche angekündigt, dass sie ihre Nullzinspolitik statt bis Mitte 2013 bis Ende 2014 fortführen will. Ist das nicht auch ein schlechtes Zeichen und ein Grund, pessimistisch zu sein?
Genau. Die Fed, um es so zu sagen, teilt meine Sicht der Dinge, und sie ist der gleichen Ansicht wie die meisten Ökonomen. Die US-Wirtschaft mag durchaus zu wachsen beginnen, aber sie wird nicht schnell genug wachsen, um die Arbeitslosenrate zu senken.
Was ist ihre Meinung bezüglich der Arbeit der Schweizerischen Nationalbank in den letzten Jahren?
Die neuen regulatorischen Rahmen für Banken, welche die Nationalbank entworfen hat, gehören zu den besten der Welt. Die Eigenkapitalanforderungen an die Banken übersteigen die Basel-Regulierungen. Die meisten Ökonomen waren ja der Ansicht, dass die Basel-Bestimmungen nicht genügen. Die Nationalbank ist wesentliche Punkte, welche die Restrukturierung des Finanzsystems betreffen, viel seriöser angegangen als andere Länder.
Die Nationalbank setzte im September eine Euro-Mindestkursgrenze zum Franken fest. Das war ein herber Eingriff in den Markt...
Es war ein richtiger Schritt. Man kann den Leuten aus dem Kapital nicht erlauben, die Wechselkurse so zu stören, dass Firmen ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Und die Massnahme der Nationalbank scheint zu funktionieren.