cash: Die Ökonomen in Europa sind gespalten. Die einen setzen auf Spardisziplin, andere auf Wachstumsimpulse und die dritten wollen beides zugleich. Was ist Ihr Rezept?
Riz Khan: Ich bin kein Ökonom. Fest steht, Sparen und Wachstumsprogramme initiieren passt nicht zusammen. Ich würde auf Wachstumsprogramme setzen, denn ohne Investitionen kein Wachstum. Dies ist aber eine Mentalitätssache.
Wie ist das zu verstehen?
Ich beobachte, dass in Europa vor allem die Politik regiert: Wir müssen den Gürtel enger schnallen, wir müssen kürzertreten. Ich kenne die USA sehr gut und dort herrscht eine andere Politik oder vielmehr ist die Mentalität eine andere, nämlich Ausgeben, Investieren und Wachsen.
Was hat dies für Auswirkungen auf die Wirtschaft?
Es führt zu einer Einstellung, die heisst: Wenn ich investiere, dann bekomme ich etwas. US-Unternehmen investieren daher stärker in Forschung und Entwicklung. Sie tun das, indem sie talentierte junge Menschen anheuern. Und steht ein Produkt vor der Marktreife, dann investieren die Amerikaner viel mehr in Marketingmassnahmen. In Europa hingegen herrscht tendenziell eine andere Mentalität. Es werden kaum junge, talentierte Leute angestellt. Sehen Sie sich die Arbeitslosenzahlen in einzelnen europäischen Ländern an. Die liegen auf Rekordhöhe.
Folglich krankt Europa an einer Spar-Mentalität?
So würde ich es nicht ausdrücken, aber die Menschen in Europa müssen eine Perspektive haben. Sie können den Leuten das Sparen nicht aufzwingen und ihnen jegliche Perspektive nehmen. Das führt zu Unruhen und Neid auf jene, die mehr haben als andere. Als ich während der Unruhen im letzten Jahr London war, wurden Porsches, Mercedes und andere Luxuskarrosen absichtlich zerkratzt oder gar völlig zerstört. In den USA wäre dies vermutlich kaum möglich gewesen. Die sagen sich toll, ein solches Auto will ich eines Tages auch haben. Kurz: Die europäische Mentalität ist eine alte, welche überwinden werden muss.
Sie sprechen den American Dream an. Ist der noch real?
Zumindest ist er eher in den USA als in Europa zu realisieren. Dies zeigt sich auch daran, dass immer mehr talentierte Leute in die USA abwandern, auch wenn das Schiff aus ökonomischer Sichtweise durch turbulente Gewässer fährt. Junge Europäer gehen in die USA, weil sie dort mehr Möglichkeiten haben, als in Europa. Die Bildungsbudgets in Europa wurden stark zurückgefahren. Wenn sie die Ausbildung zurückfahren, dann kreieren Sie ein Heer an ‚unfähigen’ Menschen. Dies schafft kein Wachstum.
Europäische Unternehmen und Regierungen sollen mehr investieren?
Ja, aber ganz so einfach ist es nicht, gerade was die Finanzierung durch Regierungen angeht. Die Frage ist vielmehr, wie Regierungen das Geld verteilen, denn arm ist Europa nicht. Europa verfügt über einen Markt, der sehr gut funktioniert.
Woher sollen die Gelder kommen?
Das ist in der Tat eine schwierige Frage. Ich bin kein Ökonom. Es ist eine Sache der rechten Verteilung. Die Milliarden, welche ins Militärbudget fliessen könnten zum Beispiel in Bildung umgeleitet werden beziehungsweise einen Teil davon. Aber das ist möglicherweise eine naive Vorstellung.
Es gibt Stimmen in Europa, die sagen Griechenland und Portugal muss aus dem Euro austreten. Wie kommt das in Übersee an?
Eher schlecht. Zu sagen, du bist im Klub und du nicht, schafft eine Zweiklassengesellschaft. Zu begrüssen wäre mehr Solidarität, im Sinne von: Stehen wir zusammen und retten den Euro. Auch hier gilt, die Mentalität muss sich ändern.
Sie sind in Jemen geboren haben aber pakistanisch-indische Wurzeln. Wie schätzen Sie das wirtschaftliche Potenzial dieser Regionen ein?
Die Investoren entdeckten immer mehr die Chancen, welche Emerging Markets ihnen bieten. Pakistan wird oft unterschätzt. Die Chancen, die sich dort bieten dürfen aber nicht unterschätzt werden. Immerhin leben dort gegen 200 Millionen. Ich bin sehr optimistisch für Indien. Indien ist die bessere ‚Story’ als zum Beispiel China.
Was sind die Gründe?
In Indien spricht der Grossteil der Bevölkerung Englisch und das Rechtssystem steht auf soliden Füssen. China hingegen ist für potentielle Investoren und Geschäftsleute immer noch ein heikler Investitionsstandort.
Aber Indien durchlief gerade im letzten Jahr schwierige Zeiten, betrachtet man die Aktienmärkte.
Ja, Indien kennt gute und schlechte Zeiten und aktuell sieht es eher nach Abwärtstrend aus. Folglich sind Investoren vorsichtig geworden. Dennoch schreitet das Wirtschaftswachstum in Indien stetig voran, dies kann man beobachten, wenn man das Land bereist. Aus langfristiger Sicht sollten Investoren daher auf Indien setzen.
Gibt es weitere Emerging Markets, auf die es sich lohnt zu setzen?
Interessant ist Burma, das frühere Myanmar. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi ins Parlament gewählt wird? Vor zehn Jahren versuchte ich, mit Aung San Suu Kyi ein Interview zu kriegen und scheiterte an den Behörden. Ich war danach sogar auf einer schwarzen Liste und konnte nicht mehr ins Land einreisen. Das Land hat sich in den letzten Monaten stark geöffnet. Zudem haben sie die notwendigen Ressourcen. Und vergessen wir nicht Südafrika. Früher galt BRIC heute gilt BRICS, will heissen Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika.
Riz Khan (52) ist seit 2005 Fernsehreporter bei Al Jazeera English in Washington D.C. Khan wuchs in der damals noch britischen Kolonie Aden im früheren Südjemen auf und begann im Jahr 1993 für die BBC zu arbeiten. Er wechselte drei Jahre später zu CNN und wurde als Nachrichtensprecher und Gastgeber einer eigenen Sendung bekannt, in der er mehr Staatsoberhäupter und Geschäftsleute interviewte als jeder andere Moderator weltweit. Khan studierte in England und verfügt über einen Abschluss der Universität Portsmouth in Radiojournalismus.

