Bislang galt bei den meisten grösseren Schweizer Banken das Pensionsalter 62 als unantastbar. Nun hat mit der UBS-Pensionskasse ausgerechnet der Branchenprimus eine Lanze gebrochen: Das Pensionsalter wird gemäss Mitteilung vom Dienstag auf das Jahr 2013 von 62 auf 64 Jahre angehoben, der Umwandlungssatz von 6,05 auf 5,49 Prozent und anschliessend jährlich um 0,01 Prozent gesenkt. Dabei gilt die Pensionskasse der Grossbank mit einem Deckungsgrad von 117 Prozent als eine der besten überhaupt. 

"Das Verhalten der UBS-Pensionskasse ist mustergültig", sagt der Zürcher Uni-Professor und Experte Martin Janssen, und: "Sie ist vorausblickend und agiert aus gutem Zustand heraus." Die UBS hatte ihren Schritt begründet mit der steigenden Lebenserwartung sowie dem Anlageumfeld, das in den kommenden Jahren schwierig bleiben dürfte. So wurde beispielsweise 2011 gemäss dem Pensionskassenindex der Credit Suisse die BVG-Mindestverzinsung um 2,5 Prozent unterschritten. In den letzten zehn Jahren hinkten die Pensionskassen jährlich im Schnitt rund ein Prozent hinter dem vorgeschriebenen Minimum hinterher. 

Carte Blanche für weitere Banken

Bei den Arbeitnehmerorganisationen hingegen haben die Massnahmen der UBS für Aufruhr gesorgt. "Unsere grosse Angst ist, dass nun auch die Pensionskassen von anderen Banken nachziehen könnten", sagt Denise Chervet vom Schweizerischen Bankenpersonalverband (SBPV) zu cash. 

Die Furcht ist berechtigt: Verschiedene grosse Pensionskassen aus anderen Branchen wollen den Umwandlungssatz kürzen oder haben dies bereits schon gemacht: Publica, die Pensionskasse des Bundes, auf 6,15 Prozent, der Medienkonzern Ringier, zu dem auch cash gehört, auf 6 Prozent, der Kanton Solothurn auf 5,97 und die SBB auf 5,848 Prozent. Konkret heisst das, dass die Renten der Angestellten zum Teil erheblich gekürzt werden. 

Wenn nun auch noch die Vorzeige-Pensionskasse der Finanzbranche Leistungskürzungen einführt, ist dies für die weniger üppig kapitalisierten Vorsorgeeinrichtungen der Banken eine Carte Blanche, um in den kommenden Monaten nachzuziehen. Vor allem, weil Banken bislang ihren Angestellten gegenüber sich grosszügig zeigten. "Wir sind uns bewusst, dass die Banken eine Luxuslösung angeboten hatten", sagt Barbara Gisi von KV Schweiz. Dazu kommt, dass die Argumente der UBS für die Erhöhung auf 64 Jahre auch für alle anderen Finanzinstitute Gültigkeit haben. 

Niemand wagt, Namen von möglichen Kandidaten zu nennen. Allerdings liegt es auf der Hand, dass die zweite Grossbank Credit Suisse dem Beispiel der UBS folgen könnte. Auf Anfrage liess eine Sprecherin ausrichten, dass "derzeit keine Änderungen geplant sind." Doch Momentaufnahmen haben eine kurze Ablauffrist. Derzeit gilt bei der CS das Rentenalter 63, die Möglichkeit für eine Erhöhung wäre also vorhanden. 

"Rentenklau"-Diskussion wird wieder aufflackern

Klar ist: Die jüngste Offensive der UBS gibt der schwelenden politischen Diskussion rund um die zweite Säule wieder neuen Auftrieb. Die SP und die Gewerkschaften beharren auf dem im März 2010 an der Urne bestätigten Umwandlungssatz von 6,8 Prozent, während die Bürgerlichen flexible Modelle bezüglich Rentenalter und Verzinsung fordern. Das linke Schlagwort "Rentenklau" wird wieder aufleben. 

Erst vor zwei Monaten attackierten Exponenten des Lebensversicherers Swiss Life die Schweizer Vorsorgeeinrichtung. Verwaltungsratspräsident Rolf Dörig forderte einen flexibleren Umgang mit dem Rentenalter. Dörig sagte der Zeitung "Sonntag", dass bis 2020 ein allgemeiner Ruhestand mit 65 schlicht nicht mehr finanzierbar sei. Deshalb gehe er längerfristig von einem Anstieg des Pensionsalters auf 70 oder noch höher aus.  Swiss-Life-CEO Bruno Pfister äusserte sich ebenfalls in der Sonntagspresse. "Die Renten sind 30 Prozent zu hoch. Es braucht jetzt ein Umdenken, um die Jungen nicht zu benachteiligen", sagte Pfister vor dem Jahreswechsel. 

Unterdeckung mindert neuerdings Unternehmensgewinn

Zusätzlichen Druck zum Handeln üben die bei börsenkotierten Unternehmen seit Januar geltenden Änderungen im Rechnungslegungsstandard IFRS aus. Minusrenditen auf dem Vorsorgevermögen werden der Gesamtergebnisrechnung belastet. Der dadurch entstehende zusätzliche Rückstellungsbedarf wird direkt dem Gewinn belastet. Dies erhöht wiederum den Druck auf das Management, frühzeitig einschneidende Massnahmen bei der Pensionskasse einzuleiten. 

Die ersten Folgen zeigten sich Anfang Februar bei Roche und Novartis, die als erste gewichtige SMI-Titel ihre Jahreszahlen 2011 präsentierten.  Bei beiden Pharmariesen leiden die Pensionskassen an Unterdeckung – mit erheblichen Folgen: Roche wies deshalb 840 Millionen Franken weniger Gewinn aus, bei Novartis drückten die Pensionskassen-Verluste das Gesamtergebnis sogar um 1,4 Milliarden Dollar.