Bis zum 23. Dezember bringt cash jeden Werktag ein Interview mit bekannten Vertretern aus der Schweizer Wirtschaftswelt. Sie halten Rückschau auf das ablaufende Jahr, erinnern sich an wichtige und schöne Begegnungen, sprechen aber auch von Enttäuschungen und Ärger - und genau so wichtig: Sie werfen einen Blick auf das neue Jahr und formulieren ihre Erwartungen für die Konjunktur und für ihre Branche.

Lassen Sie sich bis Weihnachten jeden Tag neu überraschen. Den Anfang zur Interview-Serie macht Jean-Claude Biver, CEO der Uhrenmanufaktur Hublot.

 

cash: Herr Biver, welches war Ihre eindrücklichste Begegnung im Jahr 2011?

Jean-Claude Biver: Ich durfte in Brasilien den bekannten Architekten Oscar Niemeyer kennenlernen. Er wird am 15. Dezember 104 Jahre alt. Ich hatte mir vor dem Treffen ein paar Mal überlegt: Wie verhalte ich mich gegenüber einer Person, die so alt ist? Die Begegnung selber war dann überraschend und schlicht phänomenal. Niemeyer hat den Kopf und das Denken eines jungen Studenten.

Welche Begebenheit im 2011 bleibt Ihnen in schlechtester Erinnerung?

Die unterschiedliche Behandlung der Krisen in Libyen und Syrien. In Libyen töteten die Machthaber, dann wurde von aussen eingegriffen. In Syrien kann der Machthaber noch immer Leute töten, aber es bewegt sich nichts, weil Länder wie Russland oder China ihr Veto einlegen. Hier sieht man, wie schlimm die Politik sein kann und wie wenig ein Mensch zählt.

Was enerviert Sie derzeit sonst noch?

Es herrscht noch immer eine kolonialistische Ungerechtigkeit auf der Welt. Mehr noch: Die Welt bleibt ein kolonialistisches und imperialistisches Chaos. Die Kinder leiden am meisten unter dieser
Ungerechtigkeit, und das passiert alles im 21. Jahrhundert. Wir müssen für eine neue Welt kämpfen, in der alles besser geteilt wird.

Sie sind seit 2004 CEO der Uhrenfirma Hublot, die 2008 an den französischen Luxusgüterkonzern LVMH verkauft wurde. Wie läuft das Weihnachtsgeschäft bei Hublot?

Es läuft hervorragend wie der ganzen Industrie auch. Die Schweizer Uhrenexporte werden im Jahr 2011 eine Steigerung von zwischen 22 und 25 Prozent ausweisen. Aber wir versuchen natürlich immer, ein wenig besser zu sein als die anderen.

Also: Wie sieht bei Hublot die Umsatzentwicklung 2011 aus?

Wir erzielen 2011 ein Umsatzwachstum von 34 Prozent gegenüber 2010. Das kann man jetzt schon sagen, denn das Jahr ist gespielt.

Können Sie diese Zahl im Jahr 2012 noch steigern?

Im Budget haben wir erneut eine stolze zweistellige Prozentzahl eingeplant.

Vom neuen Luxuseldorado Asien kommen derzeit aber nicht mehr so ermutigende Zahlen, was den Verkauf von Luxusgütern betrifft.

Sie sprechen wahrscheinlich die neuen Absatzzahlen an, die aus China kommen. Das bereitet mir nicht so grosse Sorgen, weil wir bloss 1 Prozent des Umsatzes in China erarbeiten. Ich bin höchstens besorgt wegen der Schweizer Industrie, denn für andere Schweizer Uhrenunternehmen ist China viel wichtiger als für uns. Aber schauen Sie: Wie beim Sport kann man auch bei uns nicht immer gewinnen. Auch ein FC Basel verliert manchmal, wird aber trotzdem Schweizer Meister.

Wo hatte Hublot das stärkste Wachstum in diesem Jahr?

Die grossen Wachstumsländer für Hublot sind Brasilien, Mexiko, Singapur, Japan, Indonesien, Türkei und die USA. Diese sieben Länder haben überdurchschnittliches Wachstum. Dann kommen Länder, die ein normales Wachstum von zwischen 8 und 12 Prozent haben, darunter ist erstaunlicherweise auch die Schweiz.

Brasilien und Mexiko sind ja Schwellenländer, die auch eine gewisse Verlangsamung spüren. Wie ist Ihr Ausblick für 2012?

Wir sind sehr optimistisch. Alle Informationen, die wir vom Einzelhandel erhalten in Sachen 'Sell-off', sind sehr gut. Wir sehen diese Entwicklung nicht nur in Mexiko oder Brasilien, sondern auch in den USA und in anderen Regionen. Kurz: Wir haben Mut, wir geben Gas, aber wir wissen, dass wir vor einer Kurve sehr stark abbremsen können müssen. Das ist ähnlich wie in der Formel 1. Denn das Jahr 2012 bringt uns grosse Unsicherheiten in der Politik und in der Wirtschaft.

Wie schätzen Sie die Lage in Europa ein?

Nun, jedes Mal, wenn ich Angela Merkel und Nicolas Sarkozy zuhöre, kriege ich ein bisschen mehr Angst. Aber eines Tages stehen die beiden mit dem Rücken zur Wand und werden die richtige Entscheidung treffen müssen.

Wie sehen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz 2012?

Ich sehe natürlich eine Verlangsamung, denn wir können als exportorientiertes Land keine Insel bleiben. Aber wir werden die Verlangsamung viel weniger spüren als unsere Nachbarn. Und wir werden sogar noch ein paar Zehntel Prozent Wachstum aufweisen. Ich sehe also keine Rezession in der Schweiz.

Wie sehen Sie die Börsenentwicklung im 2012?

Das ist schwierig vorauszusagen, weil diese Entwicklung von den Politikern abhängt, vor allem in Europa. Falls es in Europa 2012 eine Lösung gibt, dann kann der Swiss Market Index schon zwischen 8 und 10 Prozent zulegen.

Sie sagten einmal, Sie seien grundsätzlich sparsam, weil Sie das Geld respektierten. Sparen Sie denn nur?

Nein! Wenn Sie nur sparen und nicht investieren, dann ist zollen Sie dem Geld gegenüber keinen Respekt. Das Geld muss fliessen. Ich wollte damals sagen: Wenn man das Geld respektiert, dann weiss man, wie man das Geld ausgeben muss.

Wie investieren Sie denn privat?

Ich habe eine sehr grosse Uhrenkollektion, die vom Wert und der Bedeutung her ziemlich bedeutend ist. Ich versuche, diese Kollektion ständig zu verbessern und zu vergrössern. Als Sammler glaube ich auch an Gemälde und an klassische Autos. Die machen mir Freude beim Fahren. Und nach 20 Jahren stellt man zudem fest, dass das Auto nichts an Wert verloren hat. Ich kaufe also von Zeit zu Zeit so ein Auto, und den Rest des Geldes lege ich auf die Bank mit einer Verzinsung von 0,5 Prozent. Das ist mir lieber als ein Verlust von beispielsweise 7 Prozent.

 

Jean-Claude Biver (62) ist seit 2004 CEO der Uhrenmanufaktur Hublot, die 2008 für etwa 500 Millionen Franken an den französischen Luxusgüterkonzern LVMH verkauft wurde. Zuvor war er Konzernleitungsmitglied von Swatch, wo er zuerst als CEO für die Marke Blancpain verantwortlich zeichnete, die er 1992 der Swatch-Vorgängerfirma SSIH verkauft hatte. Danach war er bei Swatch verantwortlich für die Neulancierung der Marke Omega. Biver zog im Alter von zehn Jahren mit seinen Eltern von Luxembourg in die Schweiz und ist Bürger beider Staaten.