Am 9. August 2011 erreichte der Franken gegenüber dem Euro in von Panik getrieben Märkten einen Höchststand von 1,0070. Es war der Höhepunkt einer Frankenaufwertung, die sich schon Jahre zuvor angebahnt hatte. Die Frankenstärke drohte der Schweizer Exportindustrie, ganz zu schweigen von der Tourismusbranche, das Genick zu brechen.
Knapp einen Monat später folgte dann ein historischer Coup. Am 6. September führte die Schweizerische Nationalbank (SNB) eine Kursuntergrenze von 1,20 Franken pro Euro ein. Die Bank bekräftigt seither mehrmals und vehement, den Mindestkurs mit allen Mitteln zu verteidigen. Mit Erfolg: Seit Anfang September bewegt sich der Frankenkurs, bis auf einen Mini-Ausrutscher nach unten, zwischen 1,20 und 1,24 Franken pro Euro. Doch wo stünde der Devisenkurs heute, wenn die SNB nicht interveniert hätte?
Eine schwierige, weil hypothetische Frage. Noch Wochen und Monate nach dem SNB-Coup wanden sich die Ökonomen und Devisenprofis um eine Antwort. Doch jetzt, fast ein Jahr später, werden die Experten gesprächiger.
Drei Komponenten in Abzug bringen
"Der Euro-Franken-Kurs käme ungefähr bei 1,05 Franken zu liegen", sagt Hans Redeker, Leiter Währungsstrategie bei Morgan Stanley in London, gegenüber cash. In sein Schätzmodell fliessen drei Hauptargumente ein: Erstens müsse die Interventionsleistung der SNB vom Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro in Abzug gebracht werden. Vor allem von Jahresbeginn bis Ende Juli hat die SNB ihre Euro-Bestände massiv aufgestockt. Insgesamt sind die Devisenreserven auf rekordhohe 406 Milliarden Franken angeschwollen, wie die SNB am Dienstag mitteilte.
Zweitens habe die Mindestkursgrenze eine stabilisierende Wirkung. Für grosse Marktplayer wie Hedgefonds macht es somit wenig Sinn, Euro gegen Franken zu verkaufen, so Redeker. Diese Spekulationskomponente müsse ebenfalls mitberücksichtigt werden. Drittens: Der Franken sei nach wie vor ein "safe Haven". Anleger sind bereit, eine Währung zu kaufen, die notabene keinen Zins abwirft, einzig und allein aus dem Sicherheitsgedanken heraus, auch in Zukunft ihr Geld zurückzuerhalten. Dies ist bei anderen Währungen nicht in derselben Stringenz der Fall.
Mit der Kursprognose um die Parität liegt Redeker im Einklang mit den meisten Devisenauguren. Doch es gibt auch Ausnahmen.
Auch 80 Rappen pro Euro möglich
Der Worst Case für das Devisenpaar zeichnet UBS-Währungsexperte Thomas Flury: "Der Euro-Franken-Kurs könnte heute ohne SNB-Intervention bei 80 Rappen liegen." Dieses hypothetische Extremszenario hätte eintreffen können, wenn man Australien als Vergleichsland herbeizieht. Obwohl sich Australien nicht vollumfänglich mit der Schweiz vergleichen lasse, sagt Flury, so leide doch auch der Australiendollar unter einer massiven Überbewertung von 40 Prozent gegenüber dem US-Dollar.
Ziehe man nun die 40 Prozent von der fairen Kaufkraftparität im Euro-Franken-Wechselkurs ab, komme man auf knapp 80 Rappen pro Euro, so der UBS-Mann. Laut Analysen der Grossbank liegt die faire Kaufkraftparität im Euro-Franken-Wechselkurs derzeit bei 1,33 Franken pro Euro.
Australien gehört zum exklusiven Klub von neun Ländern mit der Bestnote "AAA". Das Land hat auch vorbildliche Staatsfinanzen. Der Schuldenberg entspricht nur rund 27 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Und die Wirtschaft des ressourcenreichen Kontinents profitiert vom weltweiten Rohstoffhunger.
Australien besser gewappnet als die Schweiz
Was also in Australien Tatsache ist, könnte auch der Schweiz drohen, falls die SNB den Mindestkurs nicht halten kann. Ganz von der Hand zu weisen ist eine Aufgabe des Mindestkurses nicht. Vor allem dann nicht, wenn die Devisenreserven der SNB die Höhe des Schweizer Bruttoinlandproduktes erreichen. Dies lag 2011 bei rund 635 Milliarden Franken (zum Artikel).
Aber: Australien schmerzt eine starke Währung weit weniger stark als die Schweiz. Deshalb sah sich die australische Notenbank bis anhin auch nicht genötigt, entsprechende Massnahmen einzuleiten. Dies, weil das Land Preissteigerungen auf Rohstoffen weitgehend durchsetzen kann. Nicht so die Schweiz: "Hierzulande sind Unternehmen grösstenteils gezwungen, die Margen zu drücken, um wettbewerbsfähig zu bleiben", sagt Flury.
Am 9. August 2011 erreichte der Franken die Fast-Parität zum Euro und ein Rekordhoch gegen den Dollar. In einer Artikel-Serie in dieser Woche beleuchtet cash heisse Fragen zum Thema Frankenstärke. Bisher erschienen:
Teil 1: «Ein Euro-Kurs um 80 Rappen wäre möglich»
Teil 2: SNB-Devisenreserven: cash-Leser werden skeptisch
Teil 3: Dem Tourismus stehen weitere magere Jahre bevor

