Die Lage in Griechenland spitzt sich weiter zu. Am Dienstagmorgen kletterten die Renditen von zehnjährigen Griechen-Bonds erstmals auf über 25 Prozent. Bereits am Montag erreichten die Preise für Kreditausfallversicherungen (CDS) auf hellenische Staatsanleihen neue Rekordhochs. Getrieben wurden jene von Äusserungen des deutschen Bundeswirtschaftsministers Philipp Rösler, der eine Insolvenz Griechenlands nicht mehr ausschliesst. 

"Erstmals sprach ein Vertreter der Bundesregierung öffentlich über die Gefahr einer Pleite in Griechenland", sagt Anastassios Frangulidis. Das sei beachtlich, nachdem zuvor sich die europäischen Regierungen um rhetorische Schadensbegrenzung bemüht hätten. Allerdings geht der Chefökonom der Zürcher Kantonalbank (ZKB) noch einen Schritt weiter. Er sagt: "Ein Pleitegang von Griechenland ist nur noch eine Frage von paar Monaten."

Der Prüfstein für Griechenland kommt im Dezember

Zu dieser Einschätzung kommt er nicht zuletzt nach einem kürzlich erfolgten Besuch in seiner Heimat. Der Augenschein vor Ort zeigte ihm, wie es wirklich um den Staat bestellt ist. "Die Leute sind bedrückt. Ihnen fehlt die Hoffnung am Horizont, dass es auch wieder mal aufwärts gehen könnte", sagte Frangulidis. Das lasse ihn sehr stark daran zweifeln, dass die griechische Bevölkerung die Sparpläne der Regierung nicht nur unterstützen, sondern auch tatkräftig mittragen werde. 

Dank der am Wochenende eingeführten Immobiliensteuer dürfte Griechenland vorerst die Auflagen erfüllen, um die dringend benötigten 8 Milliarden Euro aus der September-Tranche des Rettungspakets zu erhalten.  "Ich gehe davon aus, dass Griechenland dieses Geld erhält", sagt Frangulidis. Deutlich kritischer dürfte es aber in drei Monaten werden, wenn die Auszahlung der nächsten Tranche bevorsteht. "Das dürfte für Griechenland der bislang wohl schwierigste Moment werden", sagt der ZKB-Ökonom. 

Mögliche Rückkehr zur Drachme

Er bezweifelt, dass es Griechenland bis Ende Jahr gelingen wird, die Sparziele einzuhalten. "Nach dem heutigen Stand ist bereits dann ein Default Griechenlands möglich, und das hätte massive Auswirkungen", sagt Frangulidis. Denn eine Insolvenz wäre gleichbedeutend mit der Rückkehr Griechenlands zur Drachme. "Die Frage ist nicht, ob ein Austritt aus der Währungsunion die bessere Option ist. Es gibt schlicht keine Wahl", sagt der ZKB-Mann. 

Er begründet dies mit den hohen Defiziten im Staatshaushalt und in der Leistungsbilanz. Griechenland wäre gar nicht mehr fähig, die laufenden Ausgaben in Euro zu bezahlen, sagt Frangulidis. Deshalb sieht er die einzige Lösung in der Wiedereinführung der früheren Landeswährung – auch wenn zu diesem Schritt ein Einheitsbeschluss der 27 EU-Länder notwendig ist. Denn im Vertrag zur Gemeinschaftswährung ist keine Exit-Variante vorgesehen. 

Auswirkungen auf den Euro noch nicht absehbar

Die Folgen eines solchen Szenarios sind schwer vorhersehbar. Bereits beim Default würde das griechische und europäische Bankensystem schwer getroffen. "Die griechischen Banken müssten wohl verstaatlicht und die europäischen Institute von den Regierungen rekapitalisiert werden", skizziert Frangulidis. 

Inwieweit der Euro von dieser Entwicklung geschwächt würde, hinge vor allem davon ab, wie die Reaktion der EU und der Europäischen Zentralbank ausfallen würde. Denn die nächsten Pleitekandidaten, Irland und Portugal, stehen schon auf dem Radar der Spekulanten. Immerhin gibt es hier eine gute Nachricht. In den letzten Wochen ist die Rendite von irischen Staatsanleihen trotz der Unsicherheiten in Griechenland wieder zurückgekommen.