Kommentar

Daniel Hügli, Chefredaktor cash

Jean-Pierre Roth überspannt den Bogen

«Je disparais» – Das sagte Jean-Pierre Roth in einem cash-Interview wenige Wochen vor seinem Abtritt als Direktoriumspräsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Gefragt wurde er nach seinen Plänen und Aktivitäten im Ruhestand.

 

Nur drei Monate später: Roth verschwindet keineswegs. Er will bei gleich vier bekannten Unternehmen in den Verwaltungsrat. Bei Swatch Group, Nestlé und Swiss Re. Bei der Genfer Kantonalbank soll Roth Mitte Jahr das Präsidium übernehmen. Mit den Mandaten verdient Roth etwa 1,5 Millionen Franken pro Jahr, zusätzlich zu seiner Pension.

 

Roth stellt einen eigenartigen Rekord auf. Niemand sitzt derzeit gleichzeitig in den Verwaltungsräten von drei Unternehmen des Swiss Market Index. Die Probleme, die aus der Ämterkumulation entstehen, etwa Interessenkonflikte, wurden vor Jahren schon hinreichend diskutiert.

 

Doch Roth ist mehr als ein «normaler» Verwaltungsrat. Als SNB-Präsident übersah er die Rettung der UBS vor eineinhalb Jahren, die koordinierte Aktion bewahrte den Finanzplatz vor schlimmen Folgen. Roth stand zusammen mit der SNB für Unabhängigheit, Integrität, Moral.

 

Dazu kommt: Roth hat sich in all den Jahren bei der SNB und während der Finanzkrise ein enormes Insider-Wissen angeignet. Von diesem Wissen, angeeignet bei der öffentlichen Institution SNB, profitieren nun einige private Firmen.

 

Darunter ist ausgerechnet auch die Swiss Re, deren VR-Präsident Walter Kielholz die Regulierungspläne der Zentralbanken scharf kritisiert hat. Und deren Management und VR mit einer Anlage-Misswirtschaft a la UBS das Unternehmen fast in den Kollaps trieb.

 

Die Ämterkumulation Roths zeugt von wenig Sensibilität, mehr noch: Sie nagt an Roths Glaubwürdigkeit.

 

Ein anderer Protagonist aus der helvetischen Finanzkrise, der ebenfalls für Unabhängigheit, Integrität und Moral steht, zieht sich nächstens ebenfalls aus seinem Amt zurück. Finanzverwalter Peter Siegenthaler war massgeblich am Rettungsplan UBS und als Vermittler in der Swissair-Krise beteiligt.

 

Der Chefbeamte Siegenthaler hat wie Roth bestimmt jede Menge Anfragen von Privatunternehmen erhalten, die von seinem Wissen profitieren wollten. Er beschränkt sich bislang auf das Präsidium des Kantonalbankenverbandes und wahrscheinlich auf ein SBB-Verwaltungsratsmandat.